Die 6 wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meinen Fehlern gewonnen habe

Nachdenklich

Die folgenden Erkenntnisse sind aus den sechs so genannten Fehlern entstanden, von denen ich in meinem letzten Artikel geschrieben hatte. Direkt nach meinem Tod habe ich nämlich ein Gespräch mit einer sehr streng blickenden Dame geführt und ihr wunschgemäß von meinen Fehlern berichtet.

Meiner Ansicht nach war das Seelenstriptease genug. Und ich war auch gelinde gesagt etwas verdrossen über diese doch sehr persönlichen Auskünfte, die da verlangt worden waren. Ich kam mir vor wie in einer himmlischen Selbsthilfegruppe. Nur ohne Gruppe, stattdessen mit streng blickender Dame.

Aber dieses Gespräch war noch lange nicht zu Ende. Die strenge Dame sah mich noch genauso erwartungsvoll an wie vor meiner Beichte.

Ich guckte erwartungsvoll zurück, zuckte die Schultern und fragte: „Und jetzt?“

„Das war’s?“ fragte die Dame zurück.

„Ja. Sie wollten von meinen vermeintlichen Fehlern hören. Die habe ich Ihnen gerade aufgezählt. Was wollen Sie denn noch?“

„Meine Liebe, Sie werden doch irgendetwas aus Ihren Fehlern gelernt haben! Zumindest hoffe ich das sehr.“ Sie runzelte die Stirn und sah gleich noch ein bisschen strenger aus. „Wir machen doch unsere Fehler und Erfahrungen, um daraus etwas zu lernen! Sonst wäre ja das ganze Leben umsonst gewesen. Also: Was haben Sie diesbezüglich zu berichten?“

Sabine Scholze kratzt sich am Kopf und zieht eine Grimasse, während sie über ihre Erfahrungen nachdenkt.

So habe ich natürlich nicht „in echt“ ausgesehen. So gucke ich, wenn ich fürchterlich nachdenke. Es gibt nämlich noch keine Fotos von mir, auf denen ich 95 Jahre alt, mich Angesicht zu Angesicht mit einer unendlichen Dame befinde und tot bin.

Es war scheinbar immer noch nicht genug. Dieses „nicht genug“ sollte sich tatsächlich auch nach meinem Tod noch wie ein roter Faden durch mein – ja, durch was? – ziehen.

„Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich jetzt einfach in Ruhe tot sein kann. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.“ antwortete ich der strengen Dame, die mein Wortspiel geflissentlich ignorierte.

„Nein, so einfach ist das nicht. Wir lassen doch nicht jede hier rein!“ antwortete sie sichtlich pikiert.

Wenn ich ehrlich bin, war mein Ehrgeiz geweckt. Und der bisherige Rückblich auf mein langes Leben hatte auch irgendwie Spaß gemacht.

Dann springen wir doch gemeinsam zu meinem 60. Geburtstag, und ich erzähle Ihnen, was ich danach noch alles gemacht habe. Das hatte nämlich sehr viel mit den Erkenntnissen zu tun, die ich in den Jahren davor gewinnen durfte.“

Ich holte ein weiteres Mal tief Luft, schloss die Augen und dachte an meine Vergangenheit.

Sabine Scholze blickt nachdenklich nach oben und sucht nach Erkenntnissen.

So habe ich vor meinem 60. Geburtstag immer geguckt, wenn ich nachgedacht oder nach Erkenntnissen gesucht habe.

Erkenntnis #1: Nichts anders machen – aber manches zusätzlich

Wirklich! Es gibt nicht, was ich anders machen würde. Ich kann schließlich nicht so tun, als hätte ich die heutige Erfahrung schon vor 80 Jahren gehabt, oder? Außerdem sollte die Frage erlaubt sein, ob ich ohne die „Fehler“ der Vergangenheit zu den heutigen Erkenntnissen gekommen wäre. Ich glaube nicht.

Was würde ich zusätzlich tun, wenn das doch möglich wäre? Ich würde das Studium der Wirtschaftswissenschaften auf ein erträgliches Maß verkürzen und noch Psychologie und Sport dranhängen. Immerhin war ich ein Multitalent und wäre wahrscheinlich schnell fertig geworden. 😉

Ich würde den klugen Frauen glauben, die behaupten, dass jede zu jeder Form von Kreativität in der Lage sei. Und dann würde ich bei Hilkea Knies Singen lernen, von Silke Huechel-Steinbach das Matschen im Wald, Barbara-Mira Jakob würde mich zur Königin krönen, Veronika Stix würde mir das Zaubern beibringen und mit Mariella Carola Renné würde ich nach Avalon reisen. Und ganz sicher wäre ich eines Tages ins Basislager des Mt. Everest gewandert und wäre den Kilimanjaro-Marathon gelaufen – trotz Höhenangst.

Erkenntnis #2: Es gibt mehr als nur einen Weg zum Ziel

Ganz am Anfang meiner Trainerinnenlaufbahn wäre ich sehr gern Presenterin geworden und bei den großen Aerobic-Events aufgetreten. Weil mir aber ein Trainer nach dem Ansehen eines Bewerbungsvideos gesagt hat, meine Haare seien zu kurz, meine Augen zu schwarz und ich zu martialisch, habe ich die Idee wieder aufgegeben. Genau dieser Trainer war nämlich mein großes Vorbild.

Heute hätte ich ihn angelächelt und gesagt: „Stimmt. Und genau das braucht die Szene viel dringender als noch mehr überschlanke Hupfdohlen.“ Und dann hätte ich mich woanders beworben. Oder er hätte mich doch genommen, weil er meine Antwort cool fand.

Beides ist nicht geschehen. Aber etwas anderes: Ich habe mir im etwas kleineren Rahmen einen Namen als Trainerin gemacht und wurde tatsächlich zu einer Convention des Kreissportbundes eingeladen. Dort durfte ich vor immerhin 300 Teilnehmerinnen „vorturnen“. Und kam dabei so gut an, dass ich während der nächsten Jahre auch zu anderen kleineren Veranstaltungen eingeladen wurde.

Erkenntnis #3: Gut sein zu meinem inneren Kind 

Meine kleine Sabine habe ich jahrzehntelang untergebuttert und ihre Bedürfnisse ignoriert. Egal, wie müde sie war, sie bekam von mir die Antwort: „Stell dich nicht so an! Wir machen das jetzt!“

Was blieb ihr anderes übrig als mitzukommen und irgendwie den Ansprüchen der großen Sabine gerecht zu werden? Das hat bei der großen Sabine zu immer mehr Härte gegen sich selbst geführt – und die kleine ist immer leiser geworden.

In meinem Leben habe ich mehr als nur einmal erfahren, dass ich nicht mehr geliebt werde, wenn ich mich anstrenge oder verbiege. Denn das Spiel „Verbiegen für Liebe“ kann nur verloren werden.

Heute achte ich auf beide: die kleine und die große Sabine. Und wenn die Kleine sagt, dass sie nicht mehr kann, machen wir Pause und tun uns etwas Gutes. Damit habe ich spät angefangen, erst nach dem Tod meines Liebsten. Aber ich glaube, meine Kleine hat mir inzwischen verziehen.

Erkenntnis #4: Liebe ist kein Kribbeln im Bauch

Davon hat Pe Werner einmal in den Achtzigern gesungen. Es sind auch nicht Herbert Grönemeiers „Flugzeuge im Bauch“. Die, nebenbei geschrieben, viel mehr ein sehr trauriges Liebeslied sind. Liebe ist keine wilde, niemals endende Leidenschaft, und beim Anblick des Gegenübers wird es nach einigen Jahren der Beziehung vielleicht keine wohligen Schauer mehr geben.

Liebe ist, wenn ich festelle, dass geliebte Mensch nicht ansatzweise so ist, wie ich ihn während der ersten Verliebtheit, umgeben von puschligen rosa Wölkchen, gesehen habe – und ihn trotzdem weiter liebe.

Liebe ist, diesen Menschen mit all seinen Macken zu akzeptieren und damit zu leben. Liebe ist, wenn ich meinen Liebsten sein lasse, ist Toleranz und Akzeptanz. Das habe ich selbst nach vielen Erfahrungen so praktiziert. Aber auch mein Liebster hat nach einigen Jahren der Beziehung entdeckt, dass ich von außen nicht änderbar bin. 😉 Ich weiß nicht, wie oft ich ihn gefragt habe, was er von diesem oder jenem hält. Seine Antwort war stets: „Liebste, ich kann gern meinen Senf dazugeben, wenn du welchen willst. Aber es ist egal, was du tust. Wenn es meiner Liebsten gutgeht, geht es mir auch gut. Wer bin ich, dein Tun zu beurteilen?

Liebe ist es auch, die Hand eines geliebten Menschen zu halten, der seinen Körper verlassen hat. Bei ihm zu sitzen und in Ruhe Abschied zu nehmen.

Erkenntnis #5: Dankbarkeit kann ein Dauerzustand sein

Natürlich können wir alles, was das Leben uns scheinbar „zumutet“, fürchterlich finden. Allerdings macht das in meinen Augen keinen Sinn: Warum sollte ich etwas verweigern, was schon da ist? Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Situation sich in Luft auflöst, wenn ich nur oft genug „Nein!“ rufe, ist gering.

In meinen Dreißigern musste ich mich wegen eines Krebsverdachts operieren lassen. Ich brauchte diverse Stunden Psychotherapie, um überhaupt ins Krankenhaus gehen und mich einer Situation auszusetzen zu können, die nicht meiner Kontrolle unterlag. Im Nachhinein war dies ein Meilenstein in meinem Leben: Ich beendete einen ungeliebten Job und wandte mich einer Tätigkeit zu, die mir Spaß machte, ohne allzuviel Geld einzubringen. Deshalb konnte ich dem Leben für diese Erfahrung dankbar sein.

In meinen Vierzigern legten mich zwei fiese Bandscheibenvorfälle und die notwendige Operation für mehrere Wochen lahm. Zuerst dachte ich, mein Leben sei zu Ende – hatte ich mich doch bisher ausschließlich über meine (körperliche) Leistungsfähigkeit definiert. Die erzwungene Auszeit führte jedoch dazu, dass ich mich anderen (Lebens-) Inhalten zuwenden konnte. Und mich sehr intensiv gefragt habe, was mein Körper mir mit diesem erneuten Warnschuss sagen will. Auch für diese weitere Chance auf einen Neuanfang war ich dankbar.

Anfang meiner Fünfziger war ein weiterer Schuss vor den Bug nötig: Diesmal verweigerte nicht mein Körper, sondern meine Seele ihren Dienst, und zwar gründlich und für längere Zeit. Ich musste mich vollkommen neu sortieren. Das hat neben vielem anderen dazu geführt, dass ich versucht habe, ehrlich zu mir selbst und meinen Gegenübern zu sein. Für einige war ich damit (zu) unbequem, und das hat wieder neue Wege eröffnet.

Die Beziehung zu meinem Mann bekam dadurch die Chance auf einen Neuanfang. Die wir Hand in Hand wahrgenommen haben. Auch für diese Erfahrung bin ich dem Leben dankbar. Ich wäre nicht hier bei Ihnen, verehrte Unendliche, und ich hätte nichts zu erzählen, wenn all das nicht geschehen wäre.

Die Jahre nach dem Tod meines Liebsten habe ich in einem „Dauerzustand der Dankbarkeit“ verbracht. Ich durfte leben, durfte neu anfangen, durfte ihn in meinem Herzen überall dabeihaben – und es waren noch eine Menge Stationen, die ich bis zu meinem Eintreffen bei Ihnen durchlaufen habe!

Erkenntnis #6: Das einzige, was zählt, ist Freude am Leben

2017 habe ich einen eigentlich geplanten Ultralauf in wunderschöner Umgebung nach 25 Kilometern abgebrochen und mich von meinem Mann abholen lassen. Statt Spaß am Laufen und der Umgebung zu haben, ging mein Blick immer wieder zur Uhr: War ich noch im Schnitt? Würde ich die geplante Zielzeit einhalten können? Statt nach rechts und links zu schauen, sah ich nur auf die Läuferinnen, die vor mir waren oder mich sogar überholten. Nein, das war definitiv nicht meine Vorstellung eines schönen Laufs. Anstrengung, ein bisschen Quälerei? Klar. Keinen Spaß haben? Nein!!!

Ein paar Jahre später hatte ich das Gefühl, von meiner Bloggerinnen-Gäng überholt zu werden. Die hatten alle viel, viel mehr Erfolg als ich! Darüber habe ich erst in meinem Newsletter geschrieben und mich dann entschieden, nicht mehr nach rechts und links zu gucken, sondern in mich hinein. „Die anderen“ hatten mehr Likes? Mehr Subscriberinnen? Verdienten mehr Geld? So what? Auf meiner Landkarte der Welt ist ein Sonnenaufgang wichtiger.

Ein Sonnenaufgang an einem See. Die Sonne spiegelt sich im Wasser.

Meine Erkenntnis: Sonnenaufgänge sind wichtiger als Likes.

Seit meinem 55. Lebensjahr wurde deshalb mein Leben von genau zwei Fragen bestimmt:

  1. Macht mir das Spaß?
  2. Tut mir das gut?

Wenn ich eine davon mit „Nein.“ beantworten musste, habe ich mich schnellstmöglich anderen Sachen zugewandt. Die Reihenfolge, in der ich mir diese beiden Fragen stelle, wechselt. Denn für mich sind sie gleich wichtig.

Schlusswort an die Unendlichkeit

„Jetzt, verehrte unendliche Dame, bin ich fertig.“ erklärte ich entschlossen.

Die streng blickende Dame runzelte die Stirn. Gleich würde sie wieder dieses tödliche „Schwiegermutter-Aha“ von sich geben. Doch dazu ließ ich es nicht kommen. Ein letztes Mal holte ich tief Luft: „Liebe Frau Unendlich, wenn Sie glauben, dass ich mit dem, was ich Ihnen erzählt habe, in eine wie auch immer geartete Hölle gehöre, dass ich nicht für Ihre Unendlichkeit geeignet bin, sondern erst etwas leisten muss, um bei Ihnen aufgenommen zu werden, dann können Sie mich jetzt mal am Schuh blasen!“

Ich schaute auf meine Füße und stellte fest, dass ich gar keine Schuhe mehr anhatte. „Oder rutschen Sie mir den Buckel runter!“ (Das hätte meine Mutter wahrscheinlich gesagt.)

„Ein Ort, an dem ich erst irgendwelche hochgestochenen Eingangsvoraussetzungen erfüllen muss, bevor ich hinein darf, ist ein elitärer Zirkel, und da gehöre ich nicht hin. Wenn Sie also wollen, dass ich hier bleibe, beantworten jetzt bitte Sie mir zwei Fragen:

  1. Werde ich bei Ihnen Spaß haben?
  2. Werden Sie mir gut tun?

Falls Sie mir das nicht zufriedenstellend beantworten können, mache ich mir lieber meine eigene Unendlichkeit. Danke für Ihre Zeit!“

 

 

… und trotzdem leben!

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Auch wenn Du es Dir im Moment noch nicht vorstellen kannst – es wird gute Zeiten geben.

Bis dahin bin ich gern an Deiner Seite.

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Sabine Scholze hält einen Laptop im Arm und lächelt.

11 Gedanken zu „Die 6 wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meinen Fehlern gewonnen habe“

    1. Avatar of Silke Hüchel-Steinbach
      Silke Hüchel-Steinbach

      Klasse. Und die zwei wichtigsten Fragen ever. Im Moment würde ich mich eher nach gut tun fragen und dann der Spaß. Vor allem, wenn nicht jetzt wann dann? Bedenke du bist endlich.
      Ist ja voll süß, dass du von mir matschen lernen willst. Du kannst das doch schon, ansonsten frag einfach die kleine Sabine.

    2. Großartig! (und danke fürs erwähnen – mit Zauberstaub <3)

      Ich liebe liebe liebe alle Punkte, und besonders das Ende. Bin gespannt, ob es eine Fortsetzung mit Antwort der Dame gibt ^^

      1. Puh… Weise… Ich? Da brüllt meine innere Kritikerin doch direkt vor Lachen los. 😉 Aber gegen die Punkte 3+4 hatte sie auch nichts einzuwenden.

        Vielen Dank, liebe Nicole für diese schöne Rückmeldung!

    3. Wunder-voll, berührend und konsequent DU. Ich lese sehr gern von dir und freu mich über jeden Newsletter und Blogartikel. Danke, dass du deine Erfahrungen und Erkenntnisse mit uns teilst!
      Ganz liebe Grüße
      Viktoria

      P. S.: Die beiden Fragen habe ich mir direkt auf Klebezetteln notiert und so in mein Tagesplanungsheft geklebt, dass ich sie immer sehen kann. Hat mir heute schon immens geholfen, zwei „Aufgaben“ wieder zu streichen. Danke für die Erinnerung daran, was Lebenszeit ausmacht. 🙂

    4. Pingback: Die wichtigsten 3 Tipps für mehr Selbstbestimmung

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