Die Abrechnung: 6 meiner größten Fehler – und was am Ende daraus geworden ist

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Habe ich einen Fehler bei der Planung der 42,195 Kilometer gemacht?

Möglicherweise, denn:

Nach dem Zieleinlauf meines letzten Marathons falle ich tot um. Da ich in meiner Patientinnenverfügung eine Wiederbelebung unter allen Umständen ausgeschlossen habe, lässt man mich in Ruhe tot sein.

Ich bin 95 Jahre alt und habe damit den Rekord von Harriette Thompson als ältester Marathonläuferin der Welt eingestellt. Dieser Rekord ist immerhin 64 Jahre alt geworden…

Fauja Singh, der noch im Alter von 100 Jahren einen Marathon finishte, bleibt weiterhin unerreicht.

Nach dem Zieleinlauf meines ersten Marathons 2016, dem so genannten Bilstein-Marathon. Damals habe ich definitiv keinen Fehler bei der Planung gemacht!
Nach dem Zieleinlauf meines ersten Marathons im April 2016, nach 42,195 km, 1050 Höhenmetern, 5 Stunden und 44 Minuten – froh, stolz und mit dem Wunsch nach einer vierstündigen Massage.

Während sich um meinen Körper noch ein paar Ärztinnen, Sanitäterinnen und Schaulustige versammeln, befinde ich mich schon Angesicht zu Angesicht mit einer streng blickenden Dame. „Da sind Sie ja endlich, Frau Scholze. Sie haben sich verdammt viel Zeit gelassen.“

„Das war der Plan.“ antworte ich. „Da ich in jüngeren Jahren so beschäftigt damit war, herauszufinden, was und wer ich bin oder sein will, brauchte ich eine sehr lange zweite Lebenshälfte, um all meine Ideen einigermaßen zu sortieren.“

„Aha.“ Das ist eines dieser tödlichen „Ahas“, von denen auch meine Schwiegermutter eine große Zahl im Repertoire hatte. Das Stirnrunzeln dieser Dame weist ebenfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit der Schwiegermama auf. „Das haben wir gemerkt. Es war ja nicht so, dass wir nicht alles versucht hätten, um Sie ein bisschen früher hierher zu bekommen.“

Ich war über das Gespräch so verdattert, dass ich überhaupt nicht auf die Idee kam zu fragen, wo zur Hölle dieses „Hierher“ sei.

„Jetzt sind Sie ja hier, fein gemacht! Dann erzählen Sie mal.“

„Was?“

„Frau Scholze, also wirklich! Sie waren Autorin, haben gebloggt, Menschen beraten und trainiert, von sich behauptet, Sie wären ein hochsensibles Multitalent… Und jetzt tun Sie so begriffsstutzig? Ich bin enttäuscht. Aber gut: Erzählen Sie uns von Ihren Fehlern. Und was Sie daraus gemacht haben. Denn nur diejenigen, die aus ihren Fehlern im Leben gelernt haben, dürfen sich uns anschließen.“

„Und Sie sind wer???“ frage ich und versuche meinerseits von oben herab zu stirnrunzeln.

„Nennen Sie uns wie Sie wollen, meine Liebe!“ jetzt lächelt sie. „Wir sind diejenigen, die darüber zu bestimmen haben, wie Sie den Rest Ihrer Unendlichkeit verbringen werden.“

„Ups. Entschuldigung. Dann will ich mir jetzt aber Mühe geben, Sie von meiner Eignung zu überzeugen.“ Konnte ja nicht so schwer sein. Die Jobs, die ich haben wollte, habe ich auch immer bekommen. Bis auf den Ausbildungsplatz als Kfz-Mechanikerin. Wegen der geburtenstarken Jahrgänge und weil ich Fingernägel hatte.

„Nein, ganz so einfach ist das nicht!“ Verdammt, die hatte mich denken hören! „Wir wollen keine Schönfärberei oder eine Probe in Selbstüberschätzung. Wir wollen die Wahrheit!“

Ich holte tief Luft, dachte über mein sehr langes Leben nach und legte los.

Fehler #1: Mein irrwitzig langes Studium

Ich erzählte nichts von den diversen Studienfächern, die ich ausprobiert hatte. Das wussten „die“ ja wahrscheinlich sowieso schon. Stattdessen sprach ich über meinen wunderbaren Nebenjob, das Taxifahren. Mit dem ich mir eigentlich das Studium hatte finanzieren wollen. Aber nach kurzer Zeit fand ich das Göttinger Nachtleben viel spannender als Archäologie, Ältere Geschichte oder gar Wirtschaftspädagogik, und so verbrachte ich bald mehr Zeit in einem elfenbeinfarbenen123er Mercedes Benz als im Hörsaal.

Um mich herum machten die Komilitoninnen Praktika in wichtigen Firmen, erhielten ihre Diplome innerhalb der Regelstudienzeit und wurden immer jünger. Derweil sammelte ich in meiner Taxe unter anderem fundierte Kenntnisse in Soziologie, Psychologie, Medizin, Anatomie und Suchtberatung – und hatte einen Mordsspaß.

Fehler #2: Meine Reise nach Ägypten

Nachdem ich 1993 endlich mein Diplom als Oeconomin FH in den Händen hielt und einen Zeitarbeitsvertrag als wissenschaftliche Hilfskraft in der „Forschungsgruppe Verwaltungsautomation“ noch dazu, daddelte ich ein wenig herum, langweilte mich fürchterlich und regte mich noch viel fürchterlicher über die Verwaltung auf, die sich einfach nicht modernisieren lassen wollte.

Dann flog ich nach Ägypten, verliebte mich sterblich in einen einheimischen Tauchlehrer, flog nach Hause, vermietete meine Wohnung samt drei Katzen unter, flog wieder zurück, heiratete, stellte sehr schnell fest, dass das eine sehr dumme Idee gewesen war, entliebte mich flugs und kehrte nach etwas mehr als einem halben Jahr und diversen Sparringsrunden mit meinem ägyptischen Ehemann wieder nach Deutschland zurück.

Der Job an der Uni war natürlich weg. Also fuhr ich wieder Taxi. Hatte einen Mordsspaß und lernte meine zweite große Liebe kennen.

Fehler #3: Die strippende Wirtschaftswissenschaftlerin

An die Uni wollte ich nicht zurück. Der Zettel, auf dem „Dipl. Oec. FH“ stand, sollte reichen. Aber das Taxifahren verlor langsam seinen Reiz. War es möglicherweise Zeit, etwas „Ordentliches“ zu machen? Eine Vermögensberatung bot mir einen Job an. Aber Versicherungen verkaufen??? Och…

Ich überlegte kurz, meinen Freund zu managen. Der war Pianist und Sänger, und wir könnten vielleicht gemeinsam reich und berühmt werden. Aber dann müsste ich verkaufen. Ich hasste Verkaufen!

Außerdem wollte ich viel lieber tanzen. War aber für eine Tänzerinnenlaufbahn definitiv zu alt. Also zog ich mich dabei aus, verdiente gutes Geld und hatte einen Mordsspaß.

Fehler #4: She active, der Fitnessclub nur für Frauen

Nachdem ich mit dem Strippen wieder aufgehört hatte, weil es anfing, mich zu langweilen, machte ich eine Menge Ausbildungen als Fitnesstrainerin. Beim Aerobic konnte ich ja schließlich auch tanzen. Angezogen.

Blöderweise bot sich mir die Gelegenheit, ein Fitnessstudio für Frauen zu kaufen. Und obwohl ich einmal Finanzwirtschaft und Rechnungswesen studiert hatte, habe ich mein Herz sprechen lassen, statt zu rechnen und das Studio gekauft.

Meine Vision war ein Rundum-Glücklich-Angebot nur für Frauen, mit Fitness, Kinderbetreuung, Ernährungsberatung, Lifestyleberatung, therapeutische Angebote, irgendwann dann unter dem gleichen Dach noch eine Kosmetikerin, Fußpflege, vielleicht sogar ein Ort der Weiterbildung. Bis auf Kosmetik und Fußpflege konnte ich das ja alles selbst machen.

Blöderweise hatte ich mich verkalkuliert, musste neben dem Betrieb meines Studios noch viele Stunden in anderen Studios geben, um mich selbst zu finanzieren – und nach mehreren Jahren mit fast 80 Arbeitsstunden pro Woche, in denen ich mich von Lebenspartner und Katzen entfremdete und mehr als einmal an einem Nervenzusammenbruch vorbeirutschte, gab ich auf und schloss das Studio.

Einen Mordsspaß hatte ich trotzdem – aber eben nicht die ganze Zeit.

Fehler #5: Meine Stelle im öffentlichen Dienst

Nach der Schließung arbeitete ich einige Jahre als freiberufliche Fitnesstrainerin – und hatte wieder Spaß. Aber auch der fitteste Körper zeigt bei Dauerbelastung irgendwann erste Verschleißerscheinungen. Bei mir beschwerten sich die Knie. Zusammen mit den kleinen Rissen im Meniskus stellte sich Existenzangst ein. Sicherheitshalber ging ich „zum Amt“ und erkundigte mich, was die Voraussetzungen für Arbeitslosengeld II, das so genannte „Hartz IV“ waren. Denn ich hatte ja fixe Kosten, wollte auch weiterhin ein Dach über dem Kopf und war zu allem Elend auch noch privat krankenversichert.

Nach dem Besuch beim Amt beschloss ich, lieber das Bahnhofsklo zu putzen als dort noch einmal hinzugehen. Und als ich mich gerade anschickte, wieder bei einem Taxibetrieb anzufragen, erhielt ich den Anruf eines Kunden, der mich von einem Rückenkurs kannte. Er suchte jemanden mit sportlicher und beratender Erfahrung für ein neues Projekt, das zum Ziel hatte, Langzeitarbeitslose über 50 wieder fit für den Arbeitsmarkt zu machen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich kürze ab: Nach sechs Jahren in wechselnden Projekten und dem Versuch, die vom Amt geschickten Menschen anständig zu behandeln und zu beraten (das kannten viele nämlich nicht), knallte ich mit Vollgas vor die Wand. „Mittelgradige depressive Episode“ hieß die offizielle Diagnose, und ich verbrachte mehrere Monate damit, mich wieder zu berappeln.

Auch der öffentliche Dienst muss rechnen. Mein Vertrag wurde nicht verlängert. Und das war gut so.

Was noch gut war: Bei der Konzeption eines der Langzeitarbeitslosenprojekte verliebte ich mich in einen Kollegen. Mit dem ich schon länger als ein Jahr zusammenarbeitete und den ich eigentlich „irgendwie so ganz anders als mich“ fand. Wir heirateten am 4. Oktober 2014. Das war definitiv kein Fehler, sondern eine der besten Entscheidungen meines Lebens!

Fehler #6: Die Wiederentdeckung des Schreibens

Meine erzwungene, aber dringend nötige Auszeit fand statt von September 2015 bis Ende Februar 2016. Währenddessen entdeckte ich das Schreiben wieder, und endlich schrieb es auch wieder aus mir.

Ich nahm am National Novel Writing Month teil, und es entstand der Romanentwurf „Depressionen für Anfänger“, in dem ich meine Zeit in der Psychiatrie und meine Erlebnisse, die ich mit dem Umgang unseres Systems mit psychischen Erkrankungen sammeln „durfte“, verarbeitete. Irgendwann werde ich die Geschichte veröffentlichen. Jetzt ist jedoch erst einmal anderes dran.

Bei all dem stand mir mein lieber Mann zur Seite, wich und wankte nicht. Wir hatten keinen Mordsspaß in dieser Zeit, aber wir kamen einander unglaublich nahe. Und blieben es.

Wer meinen Blog gelesen hat, weiß, wie es im Jahr 2021 weiterging. Sie, werte Frau X und Ihre Kolleginnen werden das sicher getan haben.

Dann können Sie sich auch vorstellen, dass ich mit der Wiederentdeckung des Schreibens auch mein Leben wiederentdeckt habe. Und beim Schreiben immer einen Mordsspaß hatte.

Was ich aus meinen Fehlern gelernt habe

Es gab keine Fehler. Punkt. Ich bin keinen geraden Weg gegangen in meinem Leben, das ist mal sicher. Aber ich durfte tun, wozu ich Lust hatte, ich durfte eine Menge Erfahrungen sammeln, durfte lieben und erleben, wie es ist, geliebt zu werden.

Und ich durfte laufen bis zu meinem letzten Tag. Ich bin glücklich gestorben, ich bereue nichts, und ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben oder an einer Kreuzung meines Lebens falsch abgebogen zu sein.

Wenn das für Sie jetzt ein Grund ist, mich irgendwohin zu schicken, wo ich keinen Spaß mehr habe, kann ich es nicht ändern.

Aber wenn Sie, verehrte Unendliche, gern jemanden an Ihrer Seite haben wollen, die gefühlt, geweint, gespielt, probiert, geplant, verworfen, geträumt, eben so gut sie konnte gelebt hat, sollten Sie mich bei sich behalten. Ich habe noch sehr, sehr viel zu erzählen. Wir hätten garantiert einen Mordsspaß zusammen.

Vielleicht reichen meine Geschichten nicht für Ihre Unendlichkeit. Aber es gibt noch mehr wie mich da draußen in der Welt.

7 Gedanken zu „Die Abrechnung: 6 meiner größten Fehler – und was am Ende daraus geworden ist“

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