Laufen und Leben – diese 2 sind für mich absolut untrennbar!

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Oh, wie habe ich ihn damals gehasst! Wäre ich hinterhergekommen, ich hätte ihn wahrscheinlich ungespitzt in den Boden gerammt.

Die Rede ist von einem Ex. Der Mistkerl, der mich zum Laufen gebracht hat. Mich, die taxifahrende Kettenraucherin und Biertrinkerin. Er war soooo schön. Und soooo sportlich. Ich habe vom Boden zu ihm aufgesehen…

Und dann habe ich mit dem Laufen angefangen. Langsam, sehr langsam…

Mein erster Lauf

Ich hechelte. Ich keuchte. Ich hustete. Aber ich lief tapfer weiter hinter ihm her. Irgendwo ganz da vorn war er, kam aber immer wieder locker zurückgejoggt, lief einmal munter plaudernd um mich herum und verschwand wieder gefühlte 127 Kilometer nach vorn.

Ich trug ein paar olle Turnschuhe, die ich in irgendeiner Ecke gefunden hatte und schleppte mich voran. Natürlich gab ich nicht auf. Eine Sabine Scholze gibt nicht auf. Und um Hilfe ruft sie schon gar nicht; dafür hätte auch meine Luft nicht gereicht.

Heute weiß ich nicht mehr, wie viele Kilometer dieser erste Lauf meines erwachsenen Lebens lang war. Mir kam er endlos vor. Trotzdem formulierte ich mein erstes Laufziel: Irgendwann wollte ich von zuhause an den Göttinger Kiessee, einmal drumherum und wieder zurück. Lebendig und mit einem Lächeln auf den Lippen. Das waren ungefähr acht Kilometer. Vielleicht, wenn ich ein paar Jahre lang jeden Tag trainierte…

Denn trotz der Quälerei, der fehlenden Luft und des Gefühls, mir unmittelbar nach dem Laufen die Lunge aus dem Hals k… zu wollen: Irgendetwas daran machte mir Spaß.

Für die jüngeren unter Euch: Laufbandanalysen, Fitnesstracker, GPS, Spotify & Co. waren „damals“ noch nicht erfunden. Frau lief einfach so rum. Ohne Kopfhörer, ohne Ablenkung, ohne permanente Erreichbarkeit über Bluetooth.

Wir schreiben das Jahr 2004: Mein erster 10-Km-Volkslauf

Ich rannte wie die Teufelin. Sechs Runden durch die Göttinger Innenstadt, über Kopfsteinpflaster, an Bands, klatschenden Menschen und unfassbarer Begeisterung vorbei. Der oben genannte Ex stand irgendwo an der Strecke und bewachte meine Wertsachen. Wir waren schon längst nicht mehr zusammen, und ich inzwischen um einiges fitter als er. 😉

Auch meine damalige Auszubildende (zur Sport- und Fitnesskauffrau) stand in der Menge und analysierte später meinen Laufstil: „Schön, dass du soviel lächelst. Das scheint dir wirklich Spaß zu machen. Aber ich glaube, wenn du weniger Zeit in der Luft verbringen würdest, wärest du noch ein bisschen schneller.“ Mein Ex bestätigte das und nannte mich „Hoppelhäschen“.

Ich lief trotzdem meine persönliche Bestzeit. Inzwischen war ich Nichtraucherin, was sich für meine Ambitionen als sehr förderlich erwiesen hatte.

Noch ein Nebeneffekt meiner Rennerei: Mir kamen die besten Ideen beim Laufen, egal, ob es sich um Marketingkampagnen für mein Fitnessstudio, die ersten Worte für eine neue Kurzgeschichte oder eine besonders knifflige Schrittfolge für die Fitness-Performance-Group, mit der ich regelmäßig auftrat, handelte.

Inzwischen rannte ich auch mit Musik. Vom Walkman mit Kassetten (Ein Hallo an die geburtenstarken 60er Jahrgänge!) hatte ich mich inzwischen zu einem MP3-Player hochgearbeitet. An meinem Handgelenk prangte eine Pulsuhr, die allerdings auch wirklich nichts anderes tat als meinen Puls und die Laufzeit zu messen.

Zeitsprung zum ersten Halbmarathon im Jahr 2009

Das Laufen hatte sich zu (m)einer wichtigsten Nebenbeschäftigung entwickelt. Einer meiner inneren Anteile, das Kampfschwein, trieb mich zu immer neuen Strecken und Laufwettbewerben. Und da ich mich gefühlt ziemlich genau in der Mitte meines Lebens befand, hielt ich einen halben Marathon für passend. Noch dazu fand er an meinem Geburtstag und in einer meiner Lieblingsstädte, Cuxhaven, statt.

Ich plante eine Zeit unter zwei Stunden, hatte einen Trainingsplan für 1:45 Stunden und war nach 1:51 Stunden im Ziel. Mein erster Gedanke: „Jetzt eine rauchen!“ 😉 Mein zweiter Gedanke: „Scholze, du spinnst!“ (Wenn ich mich maßregele, rede ich mich immer mit dem Nachnamen an. Das macht meine innere Kritikerin übrigens auch sehr häufig…)

Aber die Placierung und der Wettkampf waren mir im Grunde völlig egal; die Zeit bis dahin war viel wertvoller für mich.

Sabine Scholze mit Baseballkappe und der Nummer 1307 beim Cuxhaven-Halbmarathon, kurz vor dem Ziel. Auch, wenn ich nicht so aussehe: In diesem Moment war Laufen für mich Leben!

Überhaupt habe ich durch das Laufen eine Menge über mich gelernt:

  • Ich brauche eine Struktur (einen Trainingsplan), denn ohne habe ich einfach nicht soviel Spaß. Außerdem gibt mir eine Struktur (Planungs-) Sicherheit.
  • Mein Weg ist das Ziel, auch wenn ich meine (Lauf-) Ziele sehr genau formuliere.
  • Ohne laute Musik ist irgendwie alles weniger erfreulich.
  • Ich bin eine absolute Statistik-Fetischistin! Was war ich glücklich, als ich meine ersten Läufe in eine Excel-Tabelle eintragen konnte! Die Auswertung meines Trackers sind für mich nahe am Statistikerinnenparadies… Klick-, Lese- und Besuchsstatistiken meines Blogs und meiner Newsletter sind für mich zwar nicht handlungsleitend, aber auch sehr, sehr wichtig.
  • Ich gebe erst auf, wenn wirklich gar nichts mehr geht.
  • Ich kann aus allem einen Wettkampf machen. Trotzdem muss ich nicht gewinnen.

Mein erster Marathon: 42,195 km und 1.100 Höhenmeter

17. April 2016. Bilstein-Marathon. Nach einem sehr herausfordernden Jahr, das mir damals gefühlt alles abverlangt hat (vom Tod meiner Mutter bis zum Verlust des gutbezahlten Jobs aufgrund einer längeren Krankheit) fühlte sich dies wie ein Neuanfang an.

Den Nichtläuferinnen unter Euch erspare ich eine epische Beschreibung der etwas mehr als fünfeinhalb Stunden. Wer mag, liest hier nach: 42195 Meter. 1100 Höhenmeter. Ich bin eine Heldin!

Marathonläuferinnen sagen immer, dass diese Strecke ein ganzes Leben abbildet. Stimmt. Und es stimmt auch, dass ein Marathon nicht von den Füßen, sondern vom Kopf gelaufen wird. Nicht begegnet ist mir der berüchtigte „Mann mit dem Hammer“. Aufgeben war zu keinem Zeitpunkt eine Option. Warum auch? Es hat ja einen Mordsspaß gemacht!

Dem ersten Marathon folgte sechs Wochen später ein zweiter. Der North-Sea-Beach-Marathon. Meine Erkenntnis #1: Flach und Sand ist anstrengender als Berg und Tal.

Erkenntnis #2: Ich kann mir selbst so glaubwürdig drohen, dass ich zu Ende gelaufen bin, obwohl ich nach 20 Kilometern überhaupt keine Lust mehr hatte.

Erkenntnis #3: Der Liebste war der geduldigste „Im-Ziel-Warter“ und Bananenanreicher, den frau sich nur wünschen kann.

Erkenntnis #4: Ich will mich niemals zwischen Geschichten erfinden und Laufen entscheiden müssen!

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Im Ziel meines ersten Marathons – nach 5 Stunden, 31 Minuten und 53 Sekunden – und sicherheitshalber mit zwei Trackern… 😉

Was das Laufen für mich so wertvoll macht

Beim Laufen bin ich allein. Auch, wenn ich an einem Wettkampf teilnehme. Alleinsein ist für mich etwas sehr Wichtiges, und ich brauche viel Zeit dafür.

In dem Moment, in dem ich die Kopfhörer auf oder in den Ohren habe, bin ich nur noch mit mir und meinen Gedanken unterwegs. Manchmal ist die Musik auch so laut, dass ich mich nicht denken hören kann; das sind die besonders ruhigen Läufe. Ja, wirklich!

Manchmal sprudeln mir aber auch die Ideen nur so durchs Gehirn. Da kommen mir Erkenntnisse, für die ich in unbewegtem Zustand Stunden gebraucht hätte, ganze Kapitel bilden sich in meinem Kopf, Probleme lösen sich oder „etwas“ zeigt mir eine mögliche Lösung, und manchmal kann ich beim Laufen sogar vergeben. Weil ich angesichts der Natur, des Wetters auf meiner Haut und dem Gefühl für meinen Körper gar nicht mehr wichtig finde, ob ich in einem Konflikt Recht behalte oder nicht. Stattdessen bin ich so froh mit mir und dem Leben, dass ich auch froh mit meinen Mitmenschen sein will.

Am Tag der Trauerfeier für meinen Mann bin ich frühmorgens gelaufen. Ich habe ihn überall um mich herum gespürt – und manchmal sogar gesehen: in einer Krähe auf unserem Dach oder einem Schmetterling, der mich für eine Weile begleitet hat. Hier im Haus könnte ich ihm nicht näher sein, glaube ich.

Wenn ich eine Pause brauche, laufe ich. Wenn ich Abstand brauche, laufe ich. Wenn ich stinkwütend bin, laufe ich schneller. Wenn ich Inspiration suche, laufe ich.

Und so, wie meine Mutter mich ein halbes Jahr nach ihrem Tod bei meinem ersten Marathon unterstützt hat, wird auch mein Mann bei meinem nächsten bei mir sein.

Wie ich eines Tages sterben möchte? Beim Zieleinlauf…

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Lächelnd…

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10 Gedanken zu „Laufen und Leben – diese 2 sind für mich absolut untrennbar!“

      1. Haben sie. Ich hatte eine kurze intensive Zeit des Laufend und habe wegen meiner arthrotischen Hüften und Knie aufgehört. Nachdem ich deinen wunderbaren Artikel gelesen habe, will ich mein Spazierenrennen so gestalten, dass ein kleines bisschen Laufen dabei ist. Danke für den Impuls 🙂

        1. Sehr gern geschehen, liebe Silke! Und ein unbestellter Tipp: Als ich wegen eines heftigen Bandscheibenvorfalls einige Monate nicht laufen konnte (und auch nicht sicher war, ob ich es jemals wieder können würde), habe ich das Stöckchenziehen angefangen. Erst mit Todesverachtung und viel Stolpern, aber dann mit wachsender Begeisterung. Flow geht auch beim (Nordic) Walking… 😉

      2. Da haben wir einiges gemeinsam. Ich laufe auch gerne alleine. Auch für mich ist es die reine Erholung. Ich liebe es morgens an der frischen Luft zu laufen und löse während dem Laufen Probleme oder es kommen ganz viele Ideen. Das Rauchen habe ich unter anderem auch wegen dem Laufen aufgehört. So schön zu lesen, was das Laufen alles mit einer Person machen kann. LG iris

      3. Toller, spannender Artikel. Es gäbe auch viele Gemeinsamkeiten zwischen Laufen und Singen.
        Der Weg ist das Ziel, Tonleitern singen kann so sein als ob es schon längst ein Musikstück ist und kann so viel Spaß machen.
        Ich liebe auch Struktur, wie schön jemanden zu kennen, der das genauso geht 🙂
        Und dass laute Musik vieles leichter und besser macht kann ich nur bestätigen. Ich höre immer meine eigene Musik im Fitness Studio, Und zwar so laut, dass sie das blöde Gedudel, was da immer läuft und mich kein bisschen unterstützt deutlich übertönt. Dabei konnte ich sogar neulich 12 min. am Stück auf dem Laufband laufen. Ja, du lachst dich jetzt wahrscheinlich kaputt. Aber für mich als Asthmatikerin war das eine total coole Erfahrung, dass ich das konnte. Ich höre sonst immer nach maximal 2 min auf zu laufen und gehe wieder (immerhin dann mit Steigung 😉 )
        Stöckchen ziehen, was für ein lustiger Begriff. Ich liebe es auch, Waldspaziergänge mit kleinen, winzigen Laufeinheiten zu machen (ich zähle dabei immer die Laufschritte, es dürfen nie unter 100 sein). Dabei kann ich auch vergeben, das kenne ich total gut. Oder eben auch bei Bergwandern, Natur ist phantastisch.
        Und die vielen tollen Ideen, die mir bei solchen Gängen gekommen sind kann ich schon nicht mehr zählen.

        Bei der Aufzählung, was du alles schon so gelaufen bist und vor allem wie, hat bei mir leichte Schnappatmung verursacht. Also Läuferin werde ich nicht mehr in diesem Leben, auch wenn ich nicht (mehr) rauche, aber der Artikel inspiriert mich an meinen kleinen Einheiten dran zu bleiben.

        1. … und das ist ja das Wunderbare am Laufen: Jede macht es so, wie es für sie richtig ist und sich gut anfühlt! Denn wie alles im Leben soll es Spaß machen und keinen Stress.

          Vielen Dank für Deine schöne Rückmeldung, liebe Hilkea – ich sitze gerade breit grinsend am Laptop. Im Bademantel. Laufen kriegen wir später… 😉

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