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Wir können einfach nicht aufhören – 5 Fragen an Daniel von Trausnitz

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Daniel von Trausnitz… Puh… Ich könnte auch nicht aufhören, wenn ich seiner Vielfältigkeit mit meiner Vorstellung auch nur ansatzweise gerecht werden wollte.

Daniel ist Sprecher, Schauspieler, Autor und Outdooraktivist. Außerdem hat er einen philosophisch veranlagten Hund namens Albrecht Oskarson, mit dem er kluge Gespräche führt. Einige davon veröffentlicht er dankenswerterweise bei Instagram und Facebook.

Nach dem Studium von Daniels Website bin ich ziemlich sicher, dass er eines dieser vielbegabten Multitalente ist. So schreibt er nicht einfach nur, er liest seine Werke auch selbst – live und auf seinem Youtube-Kanal. Außerdem wandert er (gern auch einmal für das hr-Fernsehen), ist überhaupt sehr (leistungs-) sportlich und aufgrund seiner vielen Aktivitäten in der Natur auch sehr für deren Erhalt engagiert. Unter anderem stellt sein Instagram-Alter-Ego Strauchdeep seine Outdoor-Adventures mit wunderschönen Bildern vor.

Du hast jetzt eine Menge Adressen und Anlässe, um Dich selbst über Daniel von Trausnitz zu informieren. Und ich rate Dir: Schau Dich in Ruhe auf seinen Seiten um. „Es lohnt sich.“ zu schreiben wäre despektierlich. „Der Besuch von Daniels Website und Social-Media-Profilen beinhaltet größte Gefahr für die ursprüngliche Tagesplanung.“ trifft es schon eher.

Dafür übernehme ich allerdings keine Verantwortung. Immerhin habe ich Dich gerade eben gewarnt. 😉

Wir sind zwei Stunden lang durch Feld und Wald in der Nähe von Göttingen gestreift. Ich habe die Aufnahmeapp eingeschaltet und laufen lassen. Daniel hat und hatte viel zu sagen, vor allem zu Gesellschaft, Umwelt, Zerstörung derselben durch alles mögliche Menschgemachte, Mobilitätswahn und Hügelgräber in der Nähe meiner „alten Heimat“.

Diese Hügelgräber, eine alte Fahrstraße und Markierungsspuren eines Rehbocks hätte ich übrigens allein weder gesehen noch ihnen die Bedeutung zumessen können, die sie verdient haben.

Es war also nicht „einfach nur“ ein Interview, sondern auch ein gehöriger Anteil an Heimatkunde, der mir als „Ureinwohnerin“ von einem „Zugezogenen“ vermittelt wurde. 😉 Ein weiterer Beweis dafür, dass Achtsamkeit viel mehr ist als Modewort und Selbstoptimierungstool.

Immer zwischendurch stellte Daniel fest: „Das wäre jetzt eine Antwort auf eine deiner Fragen…“.

Inzwischen habe ich mir die Aufnahme schon zweimal an- und jedes Mal etwas Neues gehört. Deshalb ist jetzt eine gute Zeit für einen Punkt und die Veröffentlichung unseres Interviews.

Hier sind Daniel von Trausnitz‘ Antworten auf viel mehr als nur meine 5 Fragen:

Wir können einfach nicht aufhören - Daniel von Trausnitz zu meinen 5 Fragen über Abschied, Tod und Trauer

1. Was bedeutet der Tod für Dich?

Da fällt mir als Erstes die folgende Geschichte ein: Als mein Großvater 2001 gestorben war, wurde von der Familie der Wunsch nach einem bestimmten Gedicht an den Pfarrer herangetragen. Diesen Spruch hat sich der Geistliche bei der Beisetzung quasi abgerungen:

„Ihr glaubt, ein Jäger sei kein frommer Mann, weil selten er zur Kirche geht. Doch im Wald ein Blick zum Himmel ist besser als ein falsch‘ Gebet.“

Ich bin kein gläubiger Christ oder sowas. Aber ich glaube, dass ich eine gewisse Spiritualität habe. Und bei einem Spaziergang durch den Wald habe ich garantiert mehr Verbindung zum Himmel als wenn ich im Café sitze und Leute beobachte.

Ich weiß jetzt nicht, worauf ich hinauswill, deswegen rede ich einfach mal weiter. (Darüber haben wir beide gelacht und Daniel hat weiter geredet. Irgendwann waren wir auch wieder beim Thema „Tod“ angekommen.)

Neulich, während des Sturms, haben alle davon abgeraten, in den Wald zu gehen. Das sei viel zu gefährlich. Da könnte ja ein Ast herunterfallen. Klar, kein Förster geht mehr bei Sturm in den Wald… Wenn da etwas passiert! Und wir wollen doch größtmögliche Sicherheit.

Aber das Leben ist gefährlich!

Ein anderes Beispiel ist es, wenn Leben mit Maschinen verlängert wird. Warum lässt man einen Menschen nicht in Frieden und Würde sterben, wenn seine Zeit gekommen ist? Weil mit der Verlängerung Geld verdient wird? Weil die Angehörigen eine egoistische Entscheidung treffen, sich nicht trennen können?

Was machen wir da eigentlich? Ist es ethisch richtig, Leben künstlich zu verlängern? Oder ist es in einem größeren Zusammenhang gesehen richtig, das Leben dann enden zu lassen, wenn es natürlicherweise zu Ende ist?

Ich denke da an die Erkrankung meines Großvaters. Er hatte eine Krebserkrankung überwunden. Mein Großvater hatte immer gesagt, dass er in den Wald gehen und sich erschießen will, wenn „es“ noch einmal losgeht. Jahre später ist der Krebs zurückgekommen.

Obwohl mein Großvater es nicht wollte, haben wir Angehörigen ihn von einer Behandlung überzeugt. Im Grunde haben wir damit eine Ego-Entscheidung getroffen und ihm seine Würde genommen. Er ist dann im Pflegebett in der heimischen Küche gestorben, verbittert und unglücklich.

Damit hatte ich sehr lange zu kämpfen und es hat dazu geführt, dass meine Haltung dazu heute eine andere ist. Ich möchte nicht egoistisch das Leben eines anderen Lebewesens (das gilt auch für Tiere) verlängern, weil ich mich nicht verabschieden kann.

Daniel und ich sind uns darüber einig, dass es gerade auch bei Tieren häufig so ist, dass sie nicht sterben dürfen, weil deren Besitzer sich nicht von ihnen trennen können. Und dass diese Tiere in freier Natur bereits tot wären. Das Urteil über Leben und Sterben wird also nicht dem natürlichen Prozess überlassen, sondern häufig von denen gefällt, die nicht loslassen können oder wollen.

2. Fühlst Du/hast Du Kontakt zu Deinen Liebsten, die schon gegangen sind? Wenn ja, wie nimmst Du sie wahr?

Meine Mutter ist im Juni 2009 gestorben. Du hattest ja gefragt, ob ich Kontakt zu meinen Lieben habe. Eigentlich nicht. Andererseits…

Daniel erzählt von einem Bild, dass er am Todestag seiner Mutter 2015 im Wald gemacht und das für ihn eine sehr große Bedeutung hat. „Naja, vielleicht gibt es ja doch etwas.“ ist sein Kommentar zu diesem besonderen Foto.

Wichtig war mir, für meine Eltern einen guten letzten Platz zu finden. So habe ich für meine Mutter eine Seebestattung bei Cuxhaven organisiert, für meinen Vater die Beisetzung im Friedwald. Allerdings hatte ich nie die Gelegenheit, mit ihnen über ihre Wünsche zu sprechen.*

Für die Seebestattung habe ich mich entschieden, weil meine Mutter gern am Meer war – und es garantiert gehasst hätte, wenn sich jemand um ihr Grab hätte kümmern müssen.Und mein Vater war immer gern im Wald. Da war für mich klar: „Der muss in den Wald!“

Den geliebten Menschen irgendwo in der Natur zu finden ist für mich viel tröstlicher als zu einem Grab zu gehen.

3. Wie gehst Du mit dem Gedanken an Deine eigene Endlichkeit um?

Das Sterben fängt doch schon mit der Geburt an. Du fängst ja unmittelbar an zu sterben, sobald Du geboren wurdest.

Und wir verdrängen den Tod. Ist Dir zum Beispiel aufgefallen, dass es nicht einmal mehr Leichenwagen gibt? Früher kam da so ein spezieller schwarzer Mercedes, auf den Seiten stand „Bestattungsinstitut“ und im Rückfenster war ein Kreuz, ein Engelsflügel oder etwas Ähnliches. Inzwischen sind die in „dezenten“ Farben und mit getönten Scheiben unterwegs. So erkennst Du gar nicht, dass darin ein Sarg mit einem Toten transportiert wird.

Ja, wir verdrängen den Tod. Dabei gehört er doch dazu! Das finde ich so erschütternd. Und das spiegelt sich in unserem ganzen Verhalten wider. Wir haben so gar keine Kultur des Aufhörens. Wir können nicht aufhören mit irgendwas. Stattdessen heißt es immer nur „Weiter so!“ Wir wollen höher, schneller, weiter.

Ja. Wir können einfach nicht aufhören. Und das gilt auch für das Leben. Wir können uns nicht vorstellen, dass unser Leben eines Tages endet. Dagegen versuche ich ein Stück weit anzuarbeiten (siehe Frage 4).

4. Wenn Du eines Tages gehst – was möchtest Du der Welt hinterlassen?

Ich möchte eine bessere Wahrnehmung der Natur hinterlassen, dazu beitragen, dass Menschen wieder mehr Verbindung zur Natur haben. Vielleicht führt das dazu, dass weniger konsumiert wird. Denn die Materie, die rund um uns wächst, machen wir zu Dingen, die wir nicht brauchen – und schlussendlich zu Müll.

Außerdem möchte ich zu einem Bewusstsein beitragen kann, dass wir keinen Verlust erleiden, sondern gewinnen, wenn wir unseren Konsum einschränken. Dass wir Freiheit gewinnen, wenn die Städte und Dörfer wieder zu einem LebensRaum werden und wir mit unseren SUVs eben nicht mehr überall herumfahren und Parkplätze suchen.

Demnächst biete ich einen Kurs an der Volkshochschule an, der „Menschenspuren im Wald“ heißt. Das Ziel ist es, dass die Menschen die Natur verstehen. Und man kann die Natur nur schützen, wenn man sie versteht.

Ein Beispiel: Kürzlich wurde eine 250-jährige Eiche gefällt, weil ja der Blitz einschlagen könnte. Und dann wird aus so einem Baum Parkett für eine Luxusjacht oder eine teure Einbauküche. So etwas macht mich fassungslos. Wir haben Waldsterben!

Ganz davon abgesehen: 250 Jahre ist für eine Eiche auch kein Alter. Wenn man sie in Ruhe lässt, kann die 1000 Jahre alt werden.

Danach haben wir eine Weile über unser Unverständnis darüber geredet, dass Windkraftanlagen im Naturschutzgebiet gebaut werden und nicht in die Nähe der Wohnstätten. Wo die Menschen auch sehen könnten, wo ihr Strom herkommt.

Ob ich etwas „Eigenes“, ein Buch zum Beispiel hinterlassen möchte… Das ist dann ja wieder so ein „Ego-Ding“. Mir ist es viel wichtiger, dass die Menschen nach meinem Ableben sagen: „Das war ein netter Kerl.“ Oder „Mit dem war es immer lustig.“ Materielles muss es nicht sein.

Da hat Daniel einen ähnlichen Wunsch wie Uwe Telkamp in seinem Interview ihn geäußert hat.

Meinen Wunsch und meine Leitlinie für mein Leben würde ich so zusammenfassen: Wenn ich in meiner kleinen Welt etwas verbessert habe, ist das okay.

5. Was glaubst Du, wohin Du gehen wirst?

Ich weiß nicht, was „danach“ kommt. Ich will das auch gar nicht wissen. Aber was kann es Besseres geben, als nach dem Tod an einem Ort zu sein, den man schön fand?

6. Das passt unter keine der Fragen, gehört aber definitiv zum Thema „Leben & Sterben“

Zerstörung im Namen des Umweltschutzes: Die Natur soll für uns Menschen berechenbar sein, deshalb muss das Risiko möglichst minimiert werden. Ein Beispiel: Da werden Fichten abgeholzt, die zwar trocken, aber noch lebendig sind, um möglichst zu verhindern, dass sie umfallen, einen Schaden anrichten und jemand verklagt werden kann.

Der Schädling, der im Wald den größten Schaden anrichtet, heißt nicht Borkenkäfer:

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„Geplante Obsoleszenz ausschleichen“: Das Leben so lange verlängern, wie es irgendwie möglich ist.  

Lieber Daniel, vielen Dank für den Spaziergang und Deine Gedankengeschenke!

Nach unserem Gespräch fragte Daniel, ob ich denn mit seinem „Vortrag“ etwas anfangen konnte. Meine Antwort lautete vor etwas mehr als zwei Wochen genauso wie jetzt: Ich konnte eine Menge damit anfangen! Deshalb habe ich ja auch so lange für diesen Artikel gebraucht. 😉

Und mein Gefühl sagt mir, dass da noch viel mehr zu erzählen ist und Du noch einmal „ran“ musst, lieber Daniel. Sehr gern würde ich ja auch dem Herrn Albrecht Oskarson ein paar Fragen stellen…

Daniel von Trausnitz Albrecht Oskarscon

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