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Wie ein kleiner Vogel eine große Fichte vor dem Umfallen bewahrte

Einsame Fichte

Es war einmal ein kleiner Vogel, der ein Nest bauen wollte. Doch dazu kommen wir später.

Denn die Geschichte beginnt mit zwei großen, schlanken und starken Fichten. Sie waren gemeinsam eingepflanzt worden und gemeinsam gewachsen. Und sie standen so dicht nebeneinander, dass jemand, der sie von Weitem sah, für einen einzigen Baum hätte halten können. Der Garten, in dem sie ihre Wurzeln hatten, beherbergte noch eine große, alte Eiche, einige Obstbäume und viele, viele Blumen. Doch keine der anderen Pflanzen und kein Baum war so eng mit einem anderen verbunden wie die beiden Fichten.

Sind ein kleiner Vogel und Fichten zu entdecken? Ein naiv gemaltes Bild von einem Holzhäuschen mit Garten, Bäumen, Blumen und einem weißen Hund in den Bergen.
So könnte es im Garten ausgesehen haben, bevor eine der beiden Fichten vom Wind umgeworfen wurde.

Vom Sturm gefällt

Die zwei Fichten hatten schon viele kommen und gehen sehen. So ein alter Baum erlebt viele Veränderungen im Laufe seines Leben. Fichten können nämlich bis zu 600 Jahre alt werden. Der älteste Baum der Welt ist ebenfalls eine Fichte. Sie steht in Schweden und es heißt, dass sie 10.000 Jahre alt sei.

Auch die beiden Fichten, von denen diese Geschichte handelt, hätten ein stolzes Alter erreichen können. Doch es kam anders: Eines Tages toste ein Sturm durchs Land und entwurzelte einen der beiden Bäume. Fichten haben nämlich nur sehr flache Wurzeln. Und so hatte diese dem Sturm nichts entgegenzusetzen und fiel einfach um.

Die andere Fichte, deren Halt jetzt fort war, wankte im Wind. Fast sah es so aus, als würde auch sie ein Opfer des Unwetters werden. Doch sie blieb stehen. Vielleicht waren ihre Wurzeln ein kleines bisschen tiefer. Vielleicht war es einfach Glück.

Nach dieser Sturmnacht stand die Fichte allein da und spürte bis in die letzte Nadel die Motorsägen, die ihren umgestürzten Gefährten in kleine, kamintaugliche Teile zerlegten. Nicht weit von ihr wurde das Holz, das einmal ihr Gefährte gewesen war, aufgestapelt.

Bäume kommunizieren miteinander. Im Wald tun sie das über ein Netzwerk aus Pilzgeflechten, die den Waldboden durchziehen und ganze Wälder miteinander verbinden.

Doch auch Bäume, die nicht im Wald stehen, können sich bemerkbar machen. Sie tun das über die Luft, z.B. indem sie Duftstoffe aussenden, um vor Schädlingen zu warnen. So kann ein Baum spüren, wenn es einem anderen nicht gut geht. Und weil Bäume Lebewesen sind, können sie auch etwas fühlen; daran glaube ich ganz fest.

Die Fichte jedenfalls trauerte sehr. Einmal, weil sie jetzt jedem Sturm schutzlos ausgeliefert war, zum anderen, weil die beiden Bäume nebeneinander aufgewachsen und immer zusammen gestanden hatten. Nach und nach verlor deshalb auch diese Fichte ihren Lebensmut. Die Säfte rannen nicht mehr so durch ihren Stamm wie bei einem gesunden Baum, die Äste wurden immer trockener und eines Tages nisteten sich die ersten Borkenkäfer ein.

So starb die Fichte jeden Tag ein bisschen mehr. Das geschah ohne Reue, ohne Trauer. Denn sie stand inzwischen schon ein Jahr allein in diesem Garten. Und trotz der anderen Bäume, die ja immer noch dort waren, fühlte sie sich sehr, sehr einsam.

Ein kleiner Vogel und eine traurige Fichte

Eines Tages – inzwischen waren fast alle Äste der Fichte verdorrt – kam ein Vogel und baute sein Nest in einen der Zweige. Die Fichte raunte: „Bist du denn verrückt? Siehst du nicht, wie es mir geht? Wie kannst du dein Nest in einen sterbenden Baum bauen? Wenn ich umfalle, werden alle deine Eier kaputtgehen!“

Der Vogel baute weiter und antwortete nicht. Es kam, wie die Fichte prophezeit hatte: Der nächste Wind schüttelte ihre Äste ordentlich durcheinander und das Vogelnest fiel herunter.

Aber der Vogel kam wieder und fing an genau der gleichen Stelle an, ein neues Nest zu bauen. Jetzt raunte die Fichte nicht mehr, sie rauschte sehr gut vernehmbar: „Du kannst dein Nest nicht hier bauen! Ich werde sterben und umfallen. Dann stirbt auch deine Brut. Das willst du doch bestimmt nicht! Du hast doch gesehen, wie schnell dein Nest heruntergefallen ist!“

Da antwortete der Vogel. „Aber es waren keine Eier darin. Das war ein Probenest. Das Nest, das ich jetzt baue, wird halten. Das weiß ich. Denn ich würde niemals das Zuhause für meine Familie in einen Baum bauen, der die Brutzeit nicht überdauert. Vertrau mir.“

Die Fichte dachte sich: „Hm… Eigentlich wollte ich doch so schnell wie möglich sterben. Aber jetzt warte ich lieber, bis die kleinen Vögel flügge sind und ihr Nest verlassen können. Es wäre doch zu schade um die frisch geschlüpften Küken.“ Sie bohrte ihre Wurzeln so fest ins Erdreich, wie sie nur konnte und schickte alle ihre Säfte, die sie nicht zum Überleben brauchte, in den Ast, in dem der Vogel nistete.

Das Nest hielt. Und es kam, wie es der Vogel gezwitschert hatte: Vier kleine Vögelchen schlüpften und wurden von den Alten hingebungsvoll gefüttert. Irgendwann verließen sie das Nest und flogen fort.

Der Vogel bedankte sich bei der Fichte, dass sie so tapfer durchgehalten hatte. „Jetzt kannst du diese Welt verlassen, wenn du willst.“ zwitscherte er. „Doch lass mich vorher noch ein paar von deinen Samen mitnehmen. Ich werde sie irgendwo fallen lassen und dann wachsen an einem anderen schönen Ort Schößlinge von dir heran, aus denen starke, schöne Bäume werden.“

Und so geschah es. Die Fichte starb, doch etwas von ihr blieb unserer Welt erhalten.

Einsame Fichte

… und trotzdem leben!

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