Wann bist Du endlich mit Trauern fertig?

Sabine Scholze stützt den Kopf auf die Hände - ein Portraitfoto, das imm Dezember 2021 auf dem Göttinger Stadtfriedhof entstanden ist.

„Bist Du bald mit Trauern fertig?“ Diese Frage wird uns natürlich nicht wörtlich so gestellt. Aber wir merken an den Reaktionen unseres Umfelds, dass viele schon längst wieder zur Tagesordnung übergegangen sind, während wir das Haus immer noch nicht ohne ein Taschentuch verlassen können.

Erst letzte Woche hatte ich ein Erlebnis beim Zahnarzt, das mir gezeigt hat, wie wenig ich mit meiner Trauer „fertig“ bin: Mein Mann und ich sind anfangs gemeinsam zu unseren Terminen in die Praxis gegangen. Irgendwann musste ich allein los. (Der Liebste hatte es nicht so mit Zahnärzten… 😉 ) Seitdem war der Gruß an ihn ein Running-Gag zwischen dem Zahnarzt und mir: „Richten Sie doch Ihrem Mann bitte aus, dass ich ihn vermisse!“

Bei meinem letzten Termin wollte ich vermeiden, dass der mir sehr sympathische Zahnarzt mit seinem Sprüchlein sozusagen „ins offene Trauer-Messer“ läuft und habe die Mitarbeiterin an der Anmeldung über den Tod meines Mannes informiert. Ab diesem Moment konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Und wir durften die gemeinsame Erfahrung machen, dass eine professionelle Zahnreinigung nicht leichter wird, wenn die Patientin tränenüberströmt und mit laufender Nase im Stuhl liegt.

Ich weiß nicht, wann ich mit Trauern fertig bin!

Denn das ist nicht meine Entscheidung, sondern eine Entscheidung der Zeit und des Lebens. Die „Expertinnen“ nennen als Anhaltspunkt für die Dauer des Trauerprozesses sechs Monate. Danach könne es sich zu einer „anhaltenden Trauerstörung“ entwickeln. Ganz ehrlich und mit der Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand einer Betroffenen beurteilt: Was für ein Schwachsinn! Genauso wenig wie eine Depression nach sechs Monaten „ausgeheilt“ ist (das ist aber genau der Zeitraum, nach dem sich beispielsweise der Medizinische Dienst der Krankenkassen in den meisten Fällen einschaltet), ist die Trauer um einen geliebten Menschen nach einem halben Jahr beendet.

Nicht umsonst galt früher das Trauerjahr. Denn erst nach einem Jahr haben wir alle Situationen, in denen der geliebte Mensch uns fehlt, durchlebt. Trotzdem kann und darf die Trauer auch länger dauern. Vielleicht wird sie milder, vielleicht versiegt eines Tages dieser unendlich erscheinende Tränenstrom.

Aber vielleicht versiegen die Tränen auch niemals ganz. Meine Mutter ist vor sechs Jahren gestorben und ich denke trotzdem fast täglich an sie – und sehr oft kommen mir auch noch heute die Tränen.

Ein Portrait von Sabine Scholze - ihr Gesichtsausdruck zeigt, dass auch sie noch nicht mit Trauern fertig ist.

Auch ich bin noch nicht fertig mit Trauern. Aber ich lebe trotzdem!

Nimm Dir alle Zeit, die Du brauchst

Natürlich können wir nicht von unserem Umfeld erwarten, dass es während der nächsten X Monate oder sogar Jahre an unserer Seite bleibt und Händchen hält. Trotzdem müssen wir, die wir noch trauern, nicht so tun, als ob. Wir müssen nicht gegen unsere Tränen anlächeln. Wir müssen nicht an geselligen Veranstaltungen teilnehmen, wenn uns nicht danach ist. Wir dürfen uns erlauben, am einen Tag lustig, unterhaltsam und in die Zukunft gewandt zu sein, und am nächsten wieder traurig und voller Erinnerungen an den geliebten Menschen.

Du entscheidest, wieviel Zeit Du brauchst!

Eine gute Freundin von mir ist jetzt seit über zwölf Jahren Witwe. Sie lebt erfüllt und zufrieden, hat sich sogar im Alter von über 70 Jahren noch einmal ganz neu orientiert und ist dankbar für das, was das Leben ihr schenkt. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem sie nicht an ihren verstorbenen Mann denkt. Und an manchen dieser Tage muss sie eben auch weinen.

Gerade jetzt, in der dunklen, stillen, ruhigen Zeit und während der Weihnachtstage, wenn die Menschen beisammen sind, Zeit füreinander haben, fehlen uns unsere Liebsten ganz besonders. Das tut weh, das macht traurig und es ist in Ordnung, dieser Traurigkeit Raum zu geben.

Was kannst Du tun, wenn Dein Umfeld erwartet, dass Du (endlich) „mit Trauern fertig“ wirst?

Du kannst Dir immer wieder sagen, dass die Menschen es nicht böse meinen. Dass sie Dir im Grunde helfen wollen, wieder am „ganz normalen“ Leben teilzuhaben. Auch wenn es gerade in der Anfangszeit schwer fällt: Versuche Dich in Deine Freundinnen, Verwandten, Kolleginnen hinein zu versetzen.

Trotzdem kannst und darfst Du Deinem Umfeld freundlich entgegnen, dass es gerade so ist, wie es ist. Dass sich der Trauerprozess nicht beschleunigen lässt. Die Psychologin Doris Wolf schreibt in einer ihrer Publikationen, dass die Trauer um einen geliebten Menschen drei bis fünf Jahre dauern kann. Und auch das ist nur ein Anhaltspunkt.

Vielleicht hilft es Dir auch, wenn Du Dir bewusst machst, dass wir in einem Land und einer Kultur leben, die Angst vor dem Tod hat und deshalb nicht damit umzugehen weiß.

Außerdem kannst Du Dir jemanden an Deine Seite holen, die Deine Trauer mit Dir gemeinsam (aus-) hält. Die Dich hält. Und die für den Fall, dass Deine Kraft nicht für Erklärungen ausreicht, Dein soziales Umfeld über den Ablauf des Trauerprozesses informiert.


Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
(Dietrich Bonhoeffer)


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