Die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast

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Bisher hatte ich mich weder mit den hier beschriebenen vier Phasen der Trauer nach Verena Kast noch in irgendeiner theoretischen Weise mit Trauer befasst. Ich war zu sehr mit meiner Traurigkeit beschäftigt, als dass ich mich mit hilfreichen Theorien hätte auseinandersetzen können.

Doch heute, am ersten „normalen Arbeitstag danach“, muss ich immer wieder am Straßenrand anhalten, weil ich vor Tränen nichts mehr erkennen kann. In den klaren Momenten, die nicht bestimmt sind von „Heute wird es keine lustigen WhatsApp-Nachrichten zwischen uns geben!“, „Keine süßen Pfannkuchen heute Abend…“ und „Ich kann einfach nicht nach Hause fahren. Er ist nicht mehr da!“, frage ich mich, ob das, was mit mir und in mir dieser Tage vorgeht, zu den „ganz normalen“ Trauerphasen gehört.

Ich bin nach Hause gefahren. Habe einen Blick auf den leeren Stuhl in der Küche geworfen. Habe einen langen Spaziergang mit Frollein Frieda gemacht und dabei viel geweint.

Jetzt hat meine innere Forscherin, deren Wissbegier auch in der Trauer nicht geringer geworden zu sein scheint, das Ruder übernommen. Trauere ich „ordentlich“?

Die Beschreibung der vier Phasen der Trauer nach Verena Kast stammt aus den Artikeln „Natürliche Trauer – komplizierte Trauer“ der Seite „psychotherapie-wissenschaft.info“ und „Phasen der Trauer – Trauerbewältigung“.

Die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast

Phase 1: Nicht-Wahrhaben-Wollen

„Man weigert sich zunächst, zu glauben, dass ein Mensch wirklich gestorben ist, steht unter Schock und versucht sich dadurch vor den Gefühlen des Verlustes zu retten, indem man sich einredet, alles wäre nur ein böser Traum, aus dem man erwachen werde. Der Verlust und die damit verbundenen Gefühle sind abgespalten: Sie können im Moment nicht verarbeitet werden, es ist zu viel.

Diese erste Phase, in der Menschen wie erstarrt wirken und die Stunden oder Tage dauern kann (…)“

Nö. Das fühlte sich anders an. Ich war handlungsfähig. Die ganze Zeit. Meine ersten Gedanken „danach“ galten den Menschen, die ich jetzt informieren müsste. Tränen kamen erst mit der tröstenden Umarmung meiner Freundinnen, als für einen Moment nichts zu erledigen war.

Möglicherweise war meine Handlungsfähigkeit genau die beschriebene Abspaltung; vielleicht hat mich mein Unterbewusstsein ins Tun geschickt, weil ich mich meinen Gefühlen (noch) nicht stellen konnte. Was mir von vornherein bewusst war: Dies ist kein böser Traum. Es ist Realität. Er ist fort. Ich halte mich an den Fetzen des T-Shirts fest, das er am letzten Abend getragen hat und das für die letzte Untersuchung…

 

Phase 2: Die Phase der „aufbrechenden chaotischen Emotionen“

„In der zweiten Phase der Trauer brechen Gefühle wie Wut, Schmerz und Zorn auf. Aggressionen gegen sich selbst oder gegen den Verstorbenen machen sich Luft. Viele Trauernde werden auch von Schuldgefühlen oder der Frage geplagt, warum sie leben dürfen während der geliebte Mensch sterben musste. Je nachdem, wie eng die Beziehung zum Verstorbenen war, kann diese Phase Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern. Auch die Umstände des Todes können beim Verlauf dieser Trauerphase eine Rolle spielen.“ (November.de/)

Schmerz – ja. Appetitlosigkeit – ja. Keine Schuldgefühle, keine Wut, keine Aggression. Keine Schlaflosigkeit, sondern ganz im Gegenteil große Müdigkeit.

Wie beschrieben finde ich Trost in der Natur. Rede mit den Wolken. Schicke Luftküsse nach oben. Streichle Frieda, die freundlicherweise ihren Schlafplatz neben mein Bett verlegt hat. Ich kann dem Leben vom ersten Moment an dankbar sein für die Zeit, die wir zusammen hatten – und daran glauben, dass sein Tod einem Plan folgt, der freundlich ist.

Ich suche und finde Unterstützung bei meinen Freund/innen, darf reden, nahezu ununterbrochen. Und weinen.

 

Phase 3: Suchen und sich trennen

„In der dritten Phase der Trauer findet eine innere Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen und seinem Tod statt: Trauernde suchen Orte der Erinnerung auf, lassen gemeinsame Erlebnisse Revue passieren und führen stille Zwiegespräche mit dem Verstorbenen. Durch das bewusste Abschiednehmen können sie den Verlust besser verarbeiten. Diese Trauerphase kann schön, aber auch sehr schmerzhaft sein. Sie dauert Wochen, Monate oder Jahre. In ihrem Verlauf entscheiden sich die Trauernden, den nächsten Schritt zu gehen und Ja zum (Weiter-) Leben zu sagen – oder weiter zu trauern.“ (November.de/)

Mein erstes Abschiednehmen fand noch am Todestag statt, im Bestattungsinstitut, ein letztes Mal allein mit ihm. Ich habe seine Hand gehalten und hatte das Gefühl, dass die Haut wärmer wird durch meine Berührung. Aber mir war klar, dass meine Wärme nicht ausreichen würde.

Mit jedem „ersten Mal ohne ihn“ findet ein weiterer Abschied statt: Der erste Wocheneinkauf, das erste Mal auf der Couch beim Netflixen, das erste Mal laufen gewesen in dem Bewusstsein, dass er mir nicht mit einem ironischen Spruch dabei helfen wird, mich von meinen Kompressionsstrümpfen zu befreien.

Ein paar erste Male schaffe ich noch nicht: Ich kann nicht zur gleichen Zeit und am gleichen Tisch die Abendmahlzeit einnehmen. „Game of Thrones“, die letzte Serie, die wir gemeinsam geschaut haben, wird auch noch warten müssen.

Ich bin dankbar dafür, dass wir nicht zu einem Wesen verschmolzen sind wie es viele Paare tun, sondern dass wir unsere zum Teil völlig verschiedenen Sicht- und Lebensweisen akzeptieren konnten. Wir waren wie zwei Boote, die an einer gemeinsamen Insel angelegt, diese Insel jeden Morgen in verschiedene Richtungen verlassen und uns am Abend wiedergetroffen haben. Unsere Insel ist jetzt ein bisschen groß für mich allein. Vielleicht breite ich mich nach und nach weiter aus; vielleicht suche ich mir aber auch eine andere, kleinere, ganz für mich. Kreta hätte eine gute Größe… 😉

Ein „Ja.“ zum Weiterleben konnte ich bereits an seinem Todestag fühlen. Denn weder er noch das Leben wollen, dass ich in der Trauer versinke. Trotzdem werde ich ihn bei allem, was ich ab jetzt tue, bei mir haben, irgendwie.

 

Phase 4: Neuer Selbst- und Weltbezug

„In der letzten Phase der Trauer stellt sich allmählich innerer Frieden ein. Der Schmerz tritt in den Hintergrund. Die Trauernde hat den Tod des Angehörigen akzeptiert und kann nun beginnen, neue Pläne zu schmieden und ihr Leben ohne den Verstorbenen zu gestalten. Die Erinnerung bleibt jedoch ein wichtiger Teil davon.“ (November.de/)

Ich nehme an, dass diese vier Phasen der Trauer nach Verena Kast fließend sind. Den Tod habe ich in dem Moment akzeptiert, als er Tim mitgenommen hat. Mein grundlegendes und tiefes Vertrauen ins Leben hat mich während der letzten zwei Wochen nie daran zweifeln lassen, dass es gut ist, wie es ist.

 

Sollten mir Zweifel kommen, kann ich das „gut“ auch vorerst weglassen: „Es ist, wie es ist.“

… sagt die Liebe.

Ein Schattenbild eines Paares - Symbol für die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast

5 Gedanken zu „Die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast“

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