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Sind wir eine Nation von Algorithmus-Junkies?

Der Kopf einer Frau zwischen grünen Linien

Boah, schon fast 200 Follower hatte mir der Twitter-Algorithmus beschert! In gerade mal etwas mehr als einem Jahr. 🤣 Und mit höchstens einer Stunde pro Tag, während der ich mich aufgeregt, Tweets gelesen, geliked, retweetet und eigene geschrieben habe.

Die dann schneller als ich Luft holen konnte in den Tiefen der Timeline verschwunden sind. 🙄

Bis eines Tages folgendes passierte:

Der Algorithmus hat gesagt, ich sei gefährlich

8. März. Weltfrauentag. Im Netz wimmelt es von Anzeigen, die Blumen, Pralinés und Wellnessoasen anpreisen. Weil ja Weltfrauentag ist. „Schenken Sie Ihrer Liebsten zum Weltfrauentag doch ein paar schöne Dessous.“

Mit jedem dieser Tweets stieg mein Verdruss und entwickelte sich zu einem kapitalen Wutanfall. Dafür hatten sich Tausende von Frauen beschimpfen, verhaften und auslachen lassen? Sich an Zäune gekettet? Ihre Arbeit verloren? Waren von ihren Männern geschlagen worden?

Ne. Nicht mit mir!

Also twitterte ich: „Den nächsten, der hier am Weltfrauentag von Blumen und Pralinen schreibt, werde ich töten. Das ist ein politischer Gedenktag, verdammt nochmal!!!“ Um klarzumachen, wie genau ich das meinte, fügte ich noch ein Foto meines großen Küchenmessers an.

Die Quittung vom Vögelchen kam postwendend: Mein Account wurde gesperrt. Wegen Verstoßes gegen die Regeln. Ich hätte zur Gewalt aufgerufen, zwitscherte es in einer maschinell erstellten Mail.

Das wollte ich so nicht hinnehmen. Also schrieb ich dem Algorithmus eine Mail und fügte Fotos und Tweets der PARTEI („Hier sollte ein Nazi hängen.“) und ein paar der klassischen Faschistenposts an.

Das war dem Algorithmus egal. „Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wie die Sperrung Ihres Accounts und aller weiteren, die Sie möglicherweise anzulegen versuchen, aufrecht erhalten werden.“

Schwupps! – 200 Followerinnen weg.

Sabine Scholze sitzt hinter dem Laptop und hat das Gesicht in die Hände gestützt.
So sieht nach Meinung des Algorithmus eine echt üble Mordgesellin und Aufhetzerin aus.

Du glaubst, Dein Account könne nicht gesperrt werden?

Weil Du ja nicht zur Gewalt aufrufst und auch keine Fotos von Messern postest?

Weit gefehlt. Denn das ist gerade ganz ohne Hate-Speech und Waffenfotos Judith Sympatexter Peters und der The Content Society passiert:

„Wir haben Ihren Account gesperrt. Die Gründe dafür werden wir Ihnen nicht nennen. Aber die brauchen Sie auch nicht zu wissen, denn Sie haben ohnehin keine Chance, irgendetwas dagegen zu tun.“

So stand es natürlich nicht in der Antwort des Algorithmus auf die Fragen derjenigen, die von einer Sperrung ihrer Accounts betroffen waren. Ich nehme mir trotzdem die Freiheit, es in meinen eigenen Worten zusammenzufassen.

Die schriftliche Antwort des Algorithmus auf den Einspruch gegen die Sperrung eines Accounts.
Hier die Antwort des Meta-Bots im O-Ton.

Auch hier hat ein Algorithmus entschieden, dass jemand nicht regelkonform handelt. Und mit einem Schlag sind Fotos, Beiträge, Followerinnen, „Freundinnen“, Inhalte und möglicherweise geplante Werbeanzeigen einfach weg.

Weil für mich das wichtigste Unabhängigkeit das allerwichtigste ist, überkam mich erst Fassungslosigkeit, dann Wut. Und natürlich wollte ich mich mit den Kolleginnen, die betroffen waren, solidarisieren.

Aber während ich schrieb, beschlich mich ein ungutes Gefühl: Was, wenn auch alle gesperrt werden, die Kritik gegen diese Entscheidung äußern? Was, wenn der Algorithmus entscheidet, dass ein Protest gegen seine Maßnahmen nicht regelkonform ist? Kann so ein Algorithmus die „Systemsprengerinnen“ identifizieren und ebenfalls sperren? Was ist dann mit meinen Aktionen, meinen Fotos, Beiträgen…?

Ich schrieb und schreibe trotzdem darüber. Aber allein die Tatsache, dass solche Gedanken mein Gehirn belegen, finde ich extrem beängstigend. Denn ich fühle mich ausgeliefert und hilflos – obwohl meine Accounts noch existieren.

Werden wir von Algorithmen manipuliert???

Und natürlich war es von hier auch nur ein sehr kleiner (Gedanken-) Schritt zu anderen Algorithmen: Der große Versanddienstleister zeigt mir, was andere gekauft haben und was zu meinen Bestellungen passt. Die Streamingdienste entscheiden, welche Filme, Podcast oder welche Musik ich mögen könnte und meine Bücher werden ebenfalls von einem Algorithmus ausgesucht, wenn ich sie online kaufe. Und wenn ich nach etwas Bestimmtem gesucht habe, finden sich auf einmal Dutzende von Anzeigen genau dazu beim großen G.

Nein, ich will hier weder zu einem Social-Media- noch zu einem Boykott der Streamingdienste und des Online-Shoppings aufrufen! Diese Geister haben wir in unsere Leben geholt und werden sie wahrscheinlich auch so schnell nicht wieder los.

Ganz davon abgesehen, dass „der Algorithmus“ und seine Geisterkumpels, das WWW und die Sozialen Medien, ja auch etwas Gutes bewirken können: Viele Menschen, die mein Leben bereichern, hätte ich im „realen Leben“ wahrscheinlich nie getroffen. Manche Revolutionen hätten ohne Social Media gar nicht stattgefunden, weil alle anderen Medien gleichgeschaltet waren. Viele Ungerechtigkeiten wären unbemerkt geblieben, wenn nicht jemand die Bilder geteilt hätte.

Trotzdem dürfen wir uns fragen, wie weit wir uns von einer Maschine abhängig machen wollen – die nicht nur meiner Meinung nach das Ziel hat, unsere volle Aufmerksamkeit zu bekommen und damit eine Abhängigkeit zu erzeugen. (Verschwörungstheorie? Nö, das glaube ich nicht…)

So versuche ich mich beispielsweise gerade darin, nur eine Sache zur Zeit zu tun. Boah, ist das anstrengend! Ich fürchte, mein Gehirn hat schon angefangen, sich auf „Snackable Content“ umzubauen. 😉

Trotzdem lasse ich tapfer mein Handy tonlos auf dem Küchentisch liegen, wenn ich schreibe. Versuche mir anzugewöhnen, nur noch zweimal am Tag meine Mails und Messenger abzufragen und das Anschauen meiner aktuellen Lieblingsserie zur alleinigen Aktivität zu machen. Letzteres kürzt meine Streaming-Sessions extrem ab, habe ich bereits festgestellt. 😉 Wenn ich nur noch schaue und nicht mehr nebenher daddele oder irgendetwas „Wichtiges“ poste, sind viele Serien viel zu langweilig, um mich damit zu beschäftigen.

Was hat die Sperrung von Social-Media-Accounts mit 50plus zu tun?

Einmal gehören zu meiner Bloggerinnen-Gäng eine Menge Frauen, die in der spannenden 50plus-Lebensphase sind. Es wäre einfach schade, wenn wir weniger Sichtbarkeit hätten, weil ein (wahrscheinlich von jungen Männern programmierter) Algorithmus das so entscheidet.

Insbesondere Facebook wird inzwischen vorwiegend von Menschen meiner Generation genutzt. Und die meisten von uns haben weder Lust auf Technik-Kung-Fu (auch einer dieser wirklich schönen Ausdrücke, die Judith Peters geprägt hat) noch darauf, sich andauernd auf die Zunge zu beißen bzw. auf die Finger zu hauen. Wir sind erwachsen, haben noch gelernt, uns eine Meinung anhand verschiedener Quellen zu bilden und unsere Gehirne sind hoffentlich noch nicht komplett umgebaut.

Das heißt oft, dass wir wirklich versuchen über Social Media miteinander zu kommunizieren. Auf eine zumeist wertschätzende Art und Weise. Und es wäre einfach schön, wenn wir das auch weiterhin unbehelligt von Bots und Algorithmen tun könnten.

Nicht nur deshalb möchte ich Dich abschließend auf Judiths „Jahresrückblog 2022“ hinweisen. Denn damit können auch (Noch)-Nicht-Bloggerinnen einen genialen, kreativen und kraftvolle Rückblick auf das Jahr 2022 gestalten. Und für uns Bloggerinnen, Mentorinnen, Coaches, Schreiberlinge und andere Online-Arbeiterinnen ist es eine großartige Möglichkeit, uns noch bekannter zu machen – nicht nur bei Social Media.

Diese wunderbaren Frauen machen auch mit:

  • Uli Pauer, Aufräumcoach und Minimalistin,
  • Silke Geissen, die sich vor allem an Frauen in und um die Wechseljahre herum wendet,
  • Mia Brummer, die mit der Überschrift „Prachtvoll. Weib. Sein.“ Mentorinnen ausbildet,
  • Evelyn Steindor-Schmidt, die sich um eine achtsame Beziehungskultur kümmert.
  • Und noch eine Menge anderer großartiger Frauen, die Du im Jahresrückblog kennenlernen wirst. Du siehst: Es lohnt sich nicht nur, solidarisch zu sein – es macht auch noch einen Mords- (upsi!) Spaß! 😉

    Nein, ich bekomme kein Geld für diese Links! Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Unabhängigkeit. Deshalb wirst Du bei mir auch niemals irgendwelche Affiliate-Links finden, sondern nur das, wovon ich selbst überzeugt bin. Und beim Jahresrückblog mache ich dieses Jahr voller Begeisterung mit – JETZT ERST RECHT!!!

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