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Selbstliebe in den 4 Trauerphasen

Selbstliebe und Trauer Beitragsbild

Wer denkt in der Trauer an Selbstliebe? Wenn wir mit all unseren Gefühlen und Gedanken nur bei unserem Verlust sind – da tritt die Selbstliebe doch ganz von allein in den Hintergrund!

In den ersten Monaten nach dem Verlust meines Mannes bin ich zwar nicht „verwahrlost“, aber ich hatte die meiste Zeit überhaupt kein Gefühl für mich. Diese Frau, die mich da aus dem Spiegel heraus angeguckt hat, habe ich zwar gewaschen und ihr auch die Zähne geputzt – aber im Grunde hatte ich gar nichts mit ihr zu tun. Sie war mir fremd.

Ähnlich war es mit der Nahrungsaufnahme: Ich habe mehr oder weniger regelmäßig gegessen, auch durchaus gesund, aber das hatte nichts mit Selbstfürsorge oder gar Selbstliebe zu tun. „Das“ musste eben essen, um zu funktionieren, so, wie mein Auto getankt werden muss, damit es fährt.

Inzwischen tue ich Dinge, weil sie mir Freude machen und nicht, weil sie auf meiner To-Do-Liste für „Körperpflege und Gesundheit“ stehen: Laufen, gut (und weniger industriell hergestellte Süßigkeiten) essen, ein Buch lesen, statt mich mit einer Serie abzulenken oder einfach nur auf dem Boden sitzen und meinen Hund streicheln.

Das hat mich zu der Frage gebracht, wann sich die Selbstliebe nach einem Verlust wieder meldet. Und ob das etwas mit den Trauerphasen zu tun haben könnte oder damit, wo im Trauerprozess wir uns gerade befinden.

Selbstliebe in der ersten „Schockphase“

Unmittelbar nachdem wir die Nachricht von einem (bevorstehenden) Todesfall, Abschied oder einer Erkrankung erhalten haben, befinden wir uns in einer Art Schockzustand. Äußerlich erscheinen wir ruhig und gefasst, doch unser Inneres ist in Aufruhr.

Je nachdem, wie traumatisch dieser Abschied ist, befinden wir uns irgendwo auf einer Skala zwischen Erstarrung und völligem Zusammenbruch. Unser Körper reagiert mit einer erhöhten Herzfrequenz, Übelkeit und/oder Appetitlosigkeit und verschiedenen anderen Symptomen.

Da ist kein Gedanke an Selbstliebe. In dieser ersten Trauerphase schwanken wir zwischen Gefühllosigkeit und Gefühlschaos. Wir sind erstarrt, irgendwie betäubt, verspüren vielleicht überhaupt keine Bedürfnisse. Wir funktionieren, organisieren, kommunizieren sogar mit unserer Umwelt – aber in uns tobt ein Sturm.

Und wir haben nur den einen Wunsch: Dass „das“ weggeht. Dass alles wieder in Ordnung kommt. Dass wir das alles nur träumen und irgendwann wieder im normalen Leben erwachen werden. Selbstliebe – für wen? Wir sind ja gar nicht „in uns drin“. Was sollten wir da lieben?

In dieser ersten Phase habe auch ich funktioniert, organisiert, telefoniert, kommuniziert, reagiert… Ich habe am Tag nach dem Tod meines Mannes die Benachrichtigungskarten entworfen, Post sortiert, Kontoauszüge geholt, mit der Bank verhandelt, die Versicherung angerufen… Wer nur mein Verhalten beurteilt hätte, wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass ich gerade den wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren habe. Und ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass gerade irgendetwas anderes „dran“ sei als Funktionieren.

Diese erste Phase kann von mehreren Stunden bis zu Wochen dauern.

Selbstliebe in der Phase der aufbrechenden Emotionen

Jetzt brechen sich die Emotionen Bahn – genauso, wie es die Überschrift bezeichnet. Alles, was wir in der ersten Phase noch in unserem Inneren festgehalten haben, zeigt sich jetzt: Wut, Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit… Manche schreien und toben, andere weinen so verzweifelt, als könnten sie nie wieder aufhören. Unser Gefühlsspektrum geht in dieser Phase von Wut (z.B. auf den Menschen, der uns verlassen hat oder Angehörige und Freundinnen) über Selbstvorwürfe („Hätte ich ihr doch noch etwas Nettes gesagt gestern!“) bis zu tiefster Verzweiflung angesichts der Vorstellung, mit diesem Verlust weiterleben zu müssen.

Auch in dieser zweiten Phase sind wir von Selbstliebe meilenweit entfernt. Ganz im Gegenteil: Die Wut kann sich auch gegen uns selbst richten. Selbstverletzendes Verhalten kann in dieser Trauerphase ebenfalls auftreten. Wir werden vom vegetativen Nervensystem in Gestalt des Sympathicus gesteuert. Unsere bewusste Wahrnehmung ist nicht oder nur wenig aktiv.

Unsere Emotionen sind in dieser Phase so übermächtig, dass die Selbstliebe vollständig in den Hintergrund tritt. Wohlmeinende Ratschläge („Du musst jetzt aber auch an dich denken!“) kommen während dieser Gefühlsausbrüche nicht bei uns an.

In dieser Phase war ich auf alles wütend: Auf die Versicherung, die meinen Namen nicht richtig zu schreiben in der Lage war, auf die Bankangestellte, die mir keinen Termin geben wollte, auf meine Freundinnen, die mich nicht verstanden und auf die Angehörigen meines Mannes, die das Haus bevölkerten, während ich die Einsamkeit suchte. Mitten auf der Autobahn musste ich auf einmal schluchzend auf den nächsten Parkplatz fahren, weil mir der Gedanke „Er wird mir nie mehr eine Nachricht schicken!“ durch den Kopf schoss. Ich nahm in sehr kurzer Zeit fast sieben Kilogramm ab und ignorierte die wohlmeinenden Ratschläge meiner Freundinnen, dass ich mich doch besser um mich kümmern solle. Selbstliebe? Am Ar…!

Diese zweite Trauerphase kann Wochen oder sogar Monate andauern. Dabei sind beschriebenen Emotionen natürlich kein ununterbrochener Zustand. Die genannten Verhaltensweisen treten überwiegend in den Phasen der Gefühlsausbrüche auf.

Selbstliebe in der Phase des Suchens und Sich Trennens

Diese dritte Phase ist gekennzeichnet von ruhigeren, jedoch nicht weniger intensiven Emotionen. Der Verlust wird uns nach und nach bewusst. Wir erinnern uns, suchen vielleicht Orte auf, die wir mit unseren Liebsten oder dem, was wir verloren haben, verbinden. Wir sprechen auch viel darüber. Manche Menschen übernehmen Gewohnheiten derer, die gegangen sind.

Wir fühlen uns häufig einsam, hilflos und leer und können uns nach wie vor nicht oder nur sehr schwer vorstellen, wie das Leben weitergehen soll.

Weil die Erinnerungen so intensiv sind, uns der Verlust so umfassend erscheint und der Schmerz darüber so groß ist, kann es in dieser Trauerphase auch am häufigsten zu Selbstmordgedanken kommen.

Einige Wochen nach seinem Tod kam mir die Idee, mich an der Arbeitsstelle meines Mannes zu bewerben. Wir hatten uns ja schließlich bei der Arbeit kennen- und lieben gelernt. Allerdings wurde mir nach einigen Wochen klar, dass dieser Wunsch sehr viel mit meiner Trauer und sehr wenig mit meinem Seelenauftrag zu tun hatte. Auch nach Ferienhäusern an der dänischen Nordseeküste habe ich geschaut, allerdings ohne einen Urlaub zu buchen. Fotos und andere Erinnerungen an meinen Liebsten sind mir nach wie vor wertvolle und geliebte tägliche Begleiter.

In dieser Trauerphase kann es als zarter Ausdruck von Selbstliebe interpretiert werden, dass wir uns all diese Gefühle und deren Ausdruck erlauben. Noch sind wir davon entfernt, uns bewusst um uns selbst und unsere Bedürfnisse zu kümmern, uns auch (wieder) zu lieben. Denn wir sind immer noch in tiefer Trauer. Aber vielleicht steht uns jemand zur Seite, die an den „guten Tagen“ darauf hinweist, dass wir für uns sorgen dürfen. Und so der Selbstliebe die Erlaubnis gibt, (wieder oder erstmals) Einzug in unser neues Leben halten.

Ein Regenschirm, unter dem die Worte "Take Care of Yourself" stehen.

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Diese dritte Trauerphase kann Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Selbstliebe mehr wird je länger der Zeitpunkt des Verlusts hinter uns liegt, ist groß.

Selbstliebe in der Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges

In dieser letzten Phase finden wir langsam ins Leben zurück. Wir wagen den Blick nach vorn und können tatsächlich auch schon etwas Schönes erkennen, das in der Zukunft auf uns warten mag. Wir nehmen wieder mehr am sozialen Leben teil, treffen uns mit Freundinnen, versöhnen uns vielleicht auch mit denen, auf die wir während der zweiten Phase so wütend waren. Wir lachen oder machen Pläne für uns allein, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben.

Wahrscheinlich „turne“ ich noch zwischen der dritten und vierten Phase hin und her. Denn obwohl ich immer noch meine Erinnerungen pflege und kein Tag ohne Tränen vergeht, bin ich dankbar für mein (neues) Leben. Habe klare Vorstellungen, wie das Jahr 2022 und meine weitere Zukunft aussehen werden. Gleichzeitig wurde mein Leben sehr gründlich von mir aufgeräumt. Auch das gehörte für mich zum Prozess – und ist ein Zeichen für meine wiederkehrende Selbstliebe.

Nach dem Abschied von einem geliebten Menschen wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Wir werden uns verändert haben, auch wenn der Trauerprozess milder geworden oder sogar beendet ist. Diese letzte Phase lässt uns am ehesten zur Selbstliebe zurückkehren – oder diese erstmalig spüren. Wie viele Frauen besonders der älteren Generation, die ihre Partner von ganzem Herzen geliebt haben, führen nach deren Tod ein ganz anderes Leben? Kümmern sich vielleicht das erste Mal um sich selbst und ihre Bedürfnisse?

Die Zeit, die es für einen neuen Selbst- und Weltbezug braucht, kann wie die dritte Trauerphase Wochen, Monate oder Jahre dauern. Wahrscheinlich werden wir uns in den ersten Monaten oder sogar Jahren zwischen diesen beiden Gefühlszuständen hin- und herbewegen. Ohne es wissenschaftlich belegen zu können, sagt mir meine eigene Erfahrung, dass die Selbstliebe größer wird, je weiter unser Trauerprozess fortschreitet.

Inzwischen gelingt es mir immer häufiger, die Frau im Spiegel, zu der ich so lange überhaupt keine Beziehung hatte, anzulächeln. Ihr etwas Nettes zu sagen. Ich denke sogar wieder über eine neue Frisur nach. 😉 Und ich habe nicht erst seit gestern das feste Vertrauen, dass mein Leben noch viel Schönes für mich bereithält und es völlig okay ist, wenn ich diese Geschenke auch annehme. Das ist für mich ein Ausdruck von Selbstliebe…

Selbstliebe bei der Fotosession: Sabine Scholze in der Hocke neben ihrem schwarz-weißen Herdenschutzhund vor einem grünen Hintergrund.
Frollein Frieda und ich beim Fotoshooting mit Sabine Prilop. Auch dieses Geschenk an mich selbst war ein Ausdruck der Selbstliebe.

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