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„… und wer kümmert sich um mich?“ – 6 hilfreiche Tipps zur Selbstfürsorge im Umgang mit Trauernden

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Darf ich denn im Umgang mit Trauernden an Selbstfürsorge denken? Ist das nicht schrecklich egoistisch? Ich bin doch nicht diejenige, die den Verlust eines geliebten Menschen bzw. Lebewesens beklagt!

„Wie kann ich mich gegen Trauernde abgrenzen?“

Diese Frage stellte eine Lehrerin, die an einer Schule für Kinder mit schwersten Behinderungen arbeitet. Denn manche Krankheitsbilder bringen es mit sich, dass die erkrankten Kinder früh sterben. Fast jährlich ist der Tod eines dieser Kinder zu betrauern.

Natürlich wenden sich die Eltern in diesen Fällen auch an die Lehrerinnen, um dort Trost zu finden und über ihr Kind zu sprechen.

Meine demenzerkrankte Mutter vergisst immer wieder, dass mein Vater vor kurzem gestorben ist und fragt nach ihm. Das reißt jedes Mal auch in mir wieder die Wunde auf, die sein Tod in meinem Herzen gerissen hat.“

Auch diese Situation ist schwer für die betroffene Tochter. Sie hat gleich zwei Verluste erlitten: Einmal den faktischen Verlust des Vaters, zum anderen aber auch den Verlust (der Gesundheit) ihrer Mutter durch die Demenz. Denn diese wird wahrscheinlich nie wieder die Mutter sein, die mit Rat und Tat zur Seite steht.

Nicht nur diese Fragen der Teilnehmerinnen habe ich nach bestem Wissen und aus dem Bauch heraus beantwortet.

Gern wollte ich mehr Unterstützung anbieten, z.B. durch Tipps, wie wir im Umgang mit Trauernden für uns sorgen – und uns im Zweifel auch abgrenzen können.

Doch ich habe weder in meiner umfangreichen Literatur zu Tod & Trauer etwas gefunden noch bei meiner Internet-Recherche. Es geht in den meisten Artikeln „nur“ um den Umgang mit den Trauernden selbst.

Dabei gibt es so viel Hilflosigkeit und Unsicherheit auf Seiten derjenigen, die diese Menschen in Trauer unterstützen wollen.

Weil ich es als sehr wichtig erachte, nicht nur die Bedürfnisse der Hinterbliebenen zu berücksichtigen sondern auch die der Helferinnen, habe ich die folgenden Tipps und Anregungen zusammengestellt.

Gute Selbstfürsorge ist für Sabine Scholze auch das Zusammensein mit ihrem Hund Frollein Frieda.
Gute Selbstfürsorge: Kuscheln mit meinem geprüften „Tröstehund“ Frollein Frieda.

6 Tipps für gute Selbstfürsorge im Umgang mit Menschen in Trauer

1. Erlaube Dir „Fehler“ und Hilflosigkeit

Auch eine professionelle Trauerbegleitung kann an Grenzen stoßen. Die meisten holen sich übrigens – wie auch Therapeutinnen – regelmäßig Supervision.

Wenn Du als „ganz normaler“ Mensch manchmal nicht weißt, wie Du mit bestimmten Situationen oder den in Dir auftauchenden Gedanken und Gefühlen umgehen sollst, ist das vollkommen normal und in Ordnung.

Hierzu eine kleine Geschichte: Kurz nach dem Tod meines Mannes kam eine unserer Nachbarinnen auf mich zu und sagte: „Mein erster Impuls war, schnell reinzugehen und so zu tun, als hätte ich dich nicht gesehen, weil ich nicht weiß, was ich dir sagen soll. Aber dann habe ich beschlossen, dass ich das nicht mache, sondern dich anspreche und dir sage, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll.“

Das hat mir unglaublich gutgetan. Und ich war froh über diese Worte und den Mut der Nachbarin, mir das genau so zu sagen.

Selbst wenn es nicht das erste Mal ist, dass Du einem Menschen in Trauer Trost spenden möchtest: Es ist immer ein anderer Mensch und es ist immer eine sehr schwierige und persönliche Angelegenheit – vor allem, wenn Du selbst vielleicht auch traurig über den Verlust Deines Gegenüber bist.

Ich behaupte: Solange Du authentisch, mitfühlend und zugewandt bist, wirst Du keine Fehler machen.

2. Nimm Dir Pausen und Phasen der Ruhe

Trauer ist anstrengend. Seelisch sowieso, aber auch körperlich. Während der ersten Zeit nach dem Tod meines Liebsten habe ich fast 10 Kilogramm abgenommen – obwohl ich mich unter anderem mit unglaublichen Mengen an Süßigkeiten „getröstet“ habe. Mein Schlafbedarf stieg von vorher vier bis fünf Stunden pro Nacht auf deutlich mehr als acht. An den meisten Tagen gehe ich noch immer sehr viel früher ins Bett als der Durchschnitt, einfach, weil ich immer noch sehr schnell erschöpft bin.

Auch Du wirst merken, dass Dich das Zusammensein mit einem Menschen in Trauer anstrengt. Das kann sich in Müdigkeit äußern, in besonders großem Hunger oder auch Appetitlosigkeit.

Das ist normal. Erlaube Dir, erschöpft zu sein, auch wenn Deine innere Antreiberin oder Kritikerin (oder beide im Duett) Dir sagen, dass Du Dich gefälligst nicht so anstellen sollst.

So eine Pause darf auch eine (zeitweise) Einschränkung des Kontaktes mit dem trauernden Menschen beinhalten. Allerdings wäre es dann fair, es offen zu sagen. Natürlich kann es passieren, dass Dein Gegenüber verständnislos oder verletzt reagiert. Das ist schwer auszuhalten, denn wir wollen ja schließlich helfen.

Doch wir können nur dann für andere hilfreich sein, wenn wir uns zuerst um uns und unser Wohlbefinden kümmern.

Nein, das ist kein Egoismus! Das ist gute Selbstfürsorge.  

3. Nimm Dir Zeit, um etwas Abstand zu finden

Im NLP gibt es eine sehr hilfreiche Technik für das Gespräch mit Klientinnen: den Separator. Gerade, wenn wir sehr in eine Situation involviert oder sogar verstrickt sind, kann es hilfreich sein, einen solchen Separator anzuwenden, bevor wir wieder in unser „normales“ Leben zurückkehren.

Das könnte beispielsweise ein kurzer Spaziergang sein, den wir allein machen, nachdem wir einen Menschen in Trauer besucht haben. Oder Du probierst einen dieser Tipps für Selbstfürsorge-Rituale aus:

  • Laut Deine Lieblingsmusik hören,
  • Dich mit dem Rücken an einen Baum lehnen,
  • Eine Weile nach oben schauen,
  • Einmal kräftig in die Hände klatschen,
  • Mit dem Fuß aufstampfen,
  • Je nach Fitnesslevel oder Gesundheitszustand ein paar Hampelmänner machen oder auf der Stelle marschieren.

(Ja, manches mag Dir albern vorkommen. Aber es hilft.)

Mein Favorit, wenn nicht die Möglichkeit eines Spaziergangs besteht, ist dieser Satz, den ich mir laut einmal vorsage: „But now for something complete different“. Die fremde Sprache ist für mich sehr hilfreich, weil sie mich sofort in die Gegenwart zurückholt. Außerdem ist dieser Satz aus einem Film von Monty Python und allein bei der Erinnerung an diese Szene muss ich lächeln.

4. Sprich mit den Betroffenen

Du darfst sagen, wie es Dir geht! Du darfst auch Deine Gefühle teilen.

Allerdings gibt es hier eine Einschränkung: Wenn der Verlust noch ganz frisch ist und die Hinterbliebenen überhaupt nichts anderes wahrnehmen können als ihren Schmerz, ist es nicht hilfreich.

Hätte ich mich entscheiden können, ob ich lieber ganz allein bin mit meiner Trauer oder mir die Geschichten von Menschen anhöre, die sofort nach der Beileidsbekundung von ihren eigenen Gefühlen in einem ähnlichen Fall gesprochen haben – ich hätte mich für das Alleinsein entschieden. Denn sobald mir jemand sagte, wie schrecklich sie sich angesichts meines Verlustes fühle, hatte ich das Bedürfnis, sie zu trösten. Oder war zu höflich, um zu sagen, dass mich das im Moment überhaupt nicht interessiert.

Aber auch dann darfst Du sagen, dass Du gerade selbst völlig fertig bist und ein wenig Pause brauchst – vor allem, wenn es sich nicht um nahe Angehörige von Dir handelt, die einen Verlust zu beklagen haben.

Hier reicht es, wenn Du sinngemäß sagst: „Bitte hab‘/haben Sie Verständnis dafür, wenn ich mich ein paar Tage zurückziehe. Dein/Ihr Verlust berührt mich so sehr, dass ich gerade nicht gut Trost spenden könnte.“ Ins Detail gehen musst Du nicht. Denn da wäre die Gefahr, dass Du die Grenze zum Aufdrängen Deiner eigenen Geschichte überschreitest, doch relativ groß.

5. Mach ein Angebot

Wenn Du etwas Abstand brauchst, Dein Gegenüber aber trotzdem unterstützen möchtest, kannst Du anbieten, dass Du Dich meldest. Wenn Du beispielsweise einmal pro Woche anrufst oder eine Nachricht schickst und fragst, ob Deine Hilfe benötigt wird, hast Du mehr Raum, als wenn Du permanent erreichbar bist. Und kannst damit Deinem Bedürfnis zu helfen ebenso nachkommen wie Deinem absolut legitimen Wunsch nach Abgrenzung.

Wichtig dabei: Mach ein Angebot nur dann, wenn Du es auch zuverlässig einhalten kannst. Und sei konkret.

Aussagen wie „Wir bleiben in Kontakt.“ oder „Melde dich, wenn du Hilfe brauchst.“ sind sicher gut und im Moment des Aussprechens ehrlich gemeint. Aber wir wissen alle, dass Verbindlichkeit anders aussieht.

6. Mach Dir bewusst, dass Du im Laufe der Zeit immer weniger „in Anspruch“ genommen wirst

Kurz nachdem mein Mann gestorben war, habe ich mehrmals seine alte Arbeitsstelle und die Kollegen dort besucht und deren Hilfsangebote auch gern angenommen. Gerade dort hatte ich das Gefühl, ihm nahe zu sein. Immerhin verbrachte er bei der Arbeit den größten Teil seiner wachen Zeit und war dort in der Regel auch glücklich.

Dieses Bedürfnis wurde von Woche zu Woche geringer. Mein Mann ist jetzt fast ein Jahr fort und ich habe das letzte Mal etwa drei Monate nach seinem Tod seine Kolleginnen besucht.

Wenn Du also das Gefühl hast, Dein Gegenüber im Stich zu lassen oder Dich nicht richtig zu kümmern, wenn Du Dich ab und zu zurückziehst, hilft Dir dieser Gedanke vielleicht.

So wird für die Eltern der verstorbenen Schülerin die Schule irgendwann nicht mehr wichtig für deren Trauerprozess sein. Und die Tochter der demenzkranken Mutter wird wahrscheinlich auch im Lauf der Zeit genügend Abstand zum Tod ihres Vaters haben, um die Fragen ihrer Mutter beantworten zu können, ohne wieder in die eigene Trauer katapultiert zu werden.

Ein Regenschirm, unter dem die Worte "Take Care of Yourself" stehen.

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