Wer bin ich?

Ich bin Backwarenchauffeurin. Würde ich nicht mitten in der Nacht aufstehen, um eine Menge Körbe und Tabletts voller Brötchen, Brote und Gebäck herumzuschleppen und zu -fahren, hätten Sie morgens weniger Leckereien auf Ihrem Frühstückstisch. Darüber schreibe ich. Und über all die Gedanken, die mir kommen, während ich im Stau stehe, mich über all die Amateure auf den Straßen aufrege und über Mitmenschen im Allgemeinen, die gern einmal meine Geduld strapazieren und mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben.

Außerdem glaube ich nicht an den Alterungsprozess, habe aber trotzdem irgendwie Angst davor, laufe gern einmal einen Marathon, fühle mich immer mal wieder zu dick, zu unsportlich, zu langsam, zu faul, zu schläfrig, zu…

Darüber schreibe ich auch.

Geschrieben habe ich schon immer: Tagebuch, Kurzgeschichten, Lyrik. Inzwischen gibt es einen nicht ganz leicht zu lesenden Roman von mir: Er heißt „Anna K. Grenzlinie“ und handelt von einer Borderlinerin, die ihre Männer samt und sonders auf üble Art um die Ecke gebracht hat und in der forensischen Abteilung der Psychiatrie gelandet ist. Meine Männer leben alle noch, soweit ich weiß, und Berührungen mit forensischer Psychiatrie gab es außerhalb meiner Recherche auch nicht.

Nachdem der Roman fertig war, habe ich mich von ernsten Themen ab- und den putzigen Eigenarten von Männern und Frauen zugewendet. Das Ergebnis heißt: „Frauen denken. Männer nicht. Denken Frauen.“

Meine ersten Inspirationen durfte ich als Taxifahrerin sammeln; dabei habe ich mich erfolgreich zudringlicher Fahrgäste erwehrt und in ruhigen Nächten die ersten Kriminalgeschichten geschrieben.

Später wollte ich dann etwas Ordentliches mit meinem hart erkämpften akademischen Titel „Diplom Öconomin“ machen, habe Workshops und Seminare geleitet und als Coach gearbeitet.

Zwischendurch gab es einen Urlaub in Ägypten, wo ich mich zunächst sterblich in einen ägyptischen Tauchlehrer verliebt habe, dann kurz nach Hause zurückgekehrt bin, um meine Wohnung samt drei Katzen unterzuvermieten und den Kerl – zurück in Ägypten –  geheiratet habe. Wir stritten fast ununterbrochen. Eine Arbeit habe ich auch schnell gefunden. Sie bestand darin, Urlauber mit wechselndem Erfolg zu mehr Bewegung zu animimeren. Nach 9 Monaten und mehreren Sparringsrunden mit dem wenig kompatiblen Ehemann bin ich unbeschadet nach Hause zurückgekehrt.

Nach diesem Erlebnis wollte ich lieber Fitnesstrainerin sein, habe mir einen Fitnessclub für Frauen gekauft, nebenher als Ausbilderin gearbeitet und wahrscheinlich den einen und die andere mit meinem damals nahezu ungebändigtem Missionierungsdrang in die Flucht geschlagen. Heute mache ich das alles nur noch für mich, und wenn ich so vor mich hinlaufe, kommen mir haufenweise gute Ideen.

Seit kurzer Zeit transportiere ich frühmorgens Ihr Frühstück und in der Sommersaison außerdem alles, was der Eisdielenbesitzer zum Glück seiner Kunden und -innen braucht. Das gibt mir die Zeit, mich mit den für mich wesentlichen Dingen meines Lebens zu befassen (Hund, Sport, Natur, Lesen, Sitzen, Schlafen) und außerdem Sie, liebe Leserin, lieber Leser, an meiner Sicht der Welt und meinen Erfahrungen mit dem Leben und dem ganzen Rest teilhaben zu lassen.

Meine Bibel seit dem ersten Lesen: „Das Beste, was Sie tun können, ist nichts.“ von Björn Kern.