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Mission und Seelenauftrag: Warum ich tue, was ich tue

Das Beitragsbild zur Mission: Sabine Scholze lehnt an einem Baum. Fotografiert von Sabine Prilop auf dem Göttinger Stadtfriedhof.

Mission? Seelenauftrag? Wer braucht denn so etwas?

Meine überzeugte Antwort: Eine Trauerbegleiterin.

Denn Trauerbegleitung kann in meinen Augen weder ein Job noch Business sein. Es ist eine Herzens-, eine Seelenaufgabe.

Der Gedanke, die Geschichte aufzuschreiben, die mich zu meinem Seelenauftrag geführt hat, entstand im Schreibcamp von Schreibrebellin und -mentorin Gela Löhr. Bei der ich mich herzlich für diesen schönen Impuls bedanke.

Hier ist meine Geschichte:

Das Foto zur Mission: Sabine Scholze steht mit Sonnenbrille und Basecap vor einem Maisfeld.
Eines der Maisfelder, in denen ich meinen Liebsten (und meine Mission) gefunden habe…

Meine Mission zum Hören

Warum ich tue, was ich tue.

Wenn Du lieber selbst liest: Meine Mission zum Lesen

Warum ich tue, was ich tue

An einem warmen Sommertag Ende Juli verabschiedete ich mich von meinem Mann, um wie oft früh schlafen zu gehen. Neben vielem anderen unterschieden wir uns auch in unseren Biorhythmen. Er war die klassische Eule, ich eine sehr frühe Lerche.

Wir alberten noch ein wenig herum, er versicherte mir, dass er auf jeden Fall an den Gute-Nacht-Kuss denken würde, wenn er nach dem Erklimmen der Treppe zum Schlafzimmer im Dachgeschoss wieder genügend Luft dafür hätte.

Diesen Gute-Nacht-Kuss ist er mir schuldig geblieben. Ich werde ihn in einer anderen Welt einfordern.

Sein Tod veränderte alles.

Während im Außen die Vorbereitungen für die Trauerfeier liefen, entfernte sich mein Inneres von all diesen Menschen, die unser Haus bevölkerten, Trost suchten oder trösten wollten. Während mein Außen Gespräche führte, Unterlagen sortierte, Fragen beantwortete und Kalkulationen anstellte, war mein Inneres auf einer kleinen Insel, an deren Ufer zwei Boote lagen. Und während die Verwandten beim Pizzabringdienst für eine warme Mahlzeit sorgten, war meinem Inneren speiübel.

Nach einigen Tagen wurde mein Inneres wütend. Es fragte, warum ich mich verbiege, um den Konventionen zu genügen. Warum ich mich auf fremde Trauerformen einlasse, statt meine eigene zu finden. Warum ich mit Kopfschmerzen in einer Runde von unausgesetzt plappernden Menschen sitze, statt meinem Bedürfnis nach Stille und Einsamkeit nachzugeben. Warum ich das vom Notarzt zerschnittene T-Shirt meines Liebsten an mich drücke, statt um eine tröstende Umarmung zu bitten.

Noch konnte mein Inneres keine Antworten auf diese Fragen finden. Es hatte auch keine Kraft, um irgendetwas zu bitten, was ihm besser getan hätte als diese hektische Betriebsamkeit im Außen.

Also lebte ich weiter im Außen, während mein Inneres vor Traurigkeit zu zerreißen drohte. Ich schrieb meine Trauerrede für den Liebsten, gestaltete die Benachrichtigungs- und Einladungskarten, setzte Namen darauf, die mir nichts bedeuteten. Funktionierte. Begutachtete den Blumenschmuck, während mein Inneres schrie: „Er. Wollte. Keine. Blumen!“

Nach Trauerfeier und Beisetzung, die Gäste saßen beisammen und redeten über ihre Befindlichkeiten und die aktuelle politische Lage, hörte ich etwas schreien: „Mach, dass du hier wegkommst, verdammt nochmal!“ Mein Inneres war an der Grenze seiner Belastbarkeit angekommen. Es musste raus. Ohne ein Wort verließ ich fast im Laufschritt das Haus, holte meinen Hund ab, den ich für die Feier bei Freunden untergebracht hatte, und wir gingen los.

Endlich konnte ich meinen Liebsten sehen! Er war hier draußen, überall. Ich hörte ihn im Maisfeld, sah ihn in einer Krähe am Himmel, in einem Schmetterling, der sich vor mir auf dem Weg niedergelassen hatte. Ich erzählte ihm von meinem Tag und wie froh ich war, ihn jetzt gefunden zu haben. Ich spürte seine Hände auf meinen Schultern, sein Kinn auf meinem Scheitel.

Mein Äußeres hat noch einige Male die Oberhand gewonnen. „Man“ hat Verpflichtungen und To-Do-Listen nach einem Todesfall. Doch mein Inneres war nicht mehr bereit, stumm zu leiden. Es brachte mich dazu, in die Stille zu gehen, mich von gemeinsamen Mahlzeiten fernzuhalten, weil ich es nicht aushalten konnte, dass der Platz meines Liebsten von jemand anderem besetzt worden war, Verabredungen abzusagen, wenn mir die Kraft für Gespräche fehlte.

Doch immer war da dieses Gefühl, etwas „nicht richtig“ zu machen. Durfte ich mich so zurückziehen? Durfte ich diese Wut empfinden? Durfte ich mich so ganz anders verhalten als die anderen? Durfte ich Menschen zurechtweisen, wenn sie mich beratschlugen? Durfte ich …?

Ja. Ich durfte. Jeder Mensch in Trauer sollte das tun dürfen, was sich in genau diesem Moment richtig anfühlt. Jeder Mensch trauert anders.

Aber. Aber. Aber. Aber wenn ich, die ich mich für eine autarke, durchsetzungsfähige und starke Persönlichkeit hielt, so sehr zweifelte, so gegen mein Inneres anfühlte – wie würde sich jemand fühlen, die vielleicht nicht diesen Rückhalt in sich selbst hätte? Dieses Vertrauen ins Leben und eine höhere Macht?

An einem warmen, sonnigen Frühlingstag im April stehe ich an einer Wegbiegung. Eine Frau meines Alters kommt auf mich zu, fast schon im Stechschritt. Sie hält sich sehr gerade. Etwa fünfzig Meter vor mir wird sie langsamer, scheint zu zögern. Ich drehe mich ein bisschen zur Seite, um sie einzuladen, ihr zu zeigen, dass ich sie nicht bedrängen werde.

Sie geht weiter auf mich zu. Als sie auf meiner Höhe ist, lege ich ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Schön, dass du da bist!“ Wir gehen gemeinsam weiter. Sie erzählt mir von ihrer vor einigen Tagen verstorbenen Mutter.

Mein Inneres und ich sind jetzt zusammen unterwegs. Ich bin Trauerbegleiterin.

… und trotzdem leben!

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Auch wenn Du es Dir im Moment noch nicht vorstellen kannst – es wird gute Zeiten geben.

Bis dahin bin ich gern an Deiner Seite.

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Sabine Scholze hält einen Laptop im Arm und lächelt.

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