Trauer und Hochsensibilität

Hcchsensibilität und Trauer - zwei Bänke stehen sich gegenüber, getrennt von einem herbstlichen Busch

Trauer trifft jeden Menschen, egal ob hochsensibel oder nicht. Allerdings glaube ich, dass es Erfahrungen gibt während des Trauerprozesses oder beim Regeln der (letzten) Angelegenheiten, die für hochsensible Persönlichkeiten schwer erträglich sind.

Robert T. Betz, dessen Gedanken ich in vielen Lebenssituationen hilfreich finde, hat einmal in einem Vortrag eine sehr passende Beschreibung gegeben: „Mit offenem Herzen laufen sie in offene Messer.“ Zwar war dieser Satz im Zusammenhang mit Kindheit und den Verletzungen, die wir in dieser Lebensphase erfahren, gesagt worden, aber er passt auch auf vieles, was eine HSP aushalten muss.

Ich erlebe das gerade in vielen Zusammenhängen. Mein Herz ist offen, und ich kann mich mit diesem offenen, traurigen Herzen gerade nur unter Aufbietung all meiner Energie wehren gegen An- oder Übergriffe, Rationalisierungen, Verletzungen.

So wurde bei der Bank meines Mannes unmittelbar nach dem Aussprechen des Beileids eine Erhöhung der Gebühren avisiert: „Wollen Sie 5,50€ zzgl. einzelner Buchungen, oder gleich 8,50€ all inclusive?“ Bämm!

Auch mein Erlebnis mit der Druckerei, als eine Angestellte mich angesichts einer Lieferverzögerung anmerkte: „Entschuldigen Sie die Frage, aber Ihr Mann ist ja nicht erst gestern gestorben, oder?“ Peng!

Da gesellt sich zur Trauer noch eine gehörige Portion Fassungslosigkeit – und die Notwendigkeit, jetzt die Nerven zu behalten und handlungsfähig zu bleiben. Denn bei aller Hochsensibilität: Diese Menschen werden mich nicht weinen sehen!

Doch das ist anstrengend. Und ich vermute möglicherweise offene Messer, wo gar keine sind.

Trauer, Hochsensibilität und Angst vor dem Tod

Hinzu kommt, dass viele Menschen in unserem Kulturkreis Angst vor dem Tod haben und versuchen, ihm, wo immer es geht, auszuweichen. Manche ziehen sich auch in die Rationaltiät zurück: „Naja, sie hat ja auch viel zuviel geraucht!“, „Er ist immer viel zu schnell gefahren. Das musste so kommen!“ oder „Das war doch nur eine Bekannte; es gibt gar keinen Grund, so lange zu trauern!“

Natürlich brauchen wir unsere Rationalität für all das, was im Zusammenhang mit dem Tod eines geliebten Menschen zu tun ist. Egal, ob wir hochsensibel sind oder nicht: Es müssen Dinge geordnet, sortiert, organisiert werden. Und das können wir auch; viele Hochsensible sind gleichzeitig vielbegabt – und das bedeutet unter anderem, dass wir den Überblick behalten und strukturiert arbeiten können.

Was (mich) schmerzt, ist der Versuch vieler Menschen, dem Tod einen Sinn zu geben, der rational nachvollziehbar ist: ungesunder Lebenssstil, halsbrecherische Fahrweise, Vorerkrankungen in der Familie, ein „gutes“ Alter…

Was (mich) schmerzt, sind die Fragen nach der Ursache: „Woran ist er denn wirklich gestorben?“, „War es Herzversagen? Hirntod?“

Ganz sicher gibt es Hinterbliebene, denen es wichtig ist, die Ursache für den Tod zu kennen. Die besser abschließen können, wenn sie wissen, dass der geliebte Mensch sehr schnell gestorben oder sanft eingeschlafen ist. Die vielleicht auch die Gewissheit brauchen, dass sie wirklich nichts hätten tun können.

Es scheint schwer zu sein, den Tod als etwas zu akzeptieren, was den Sinn schon in sich birgt. Auf mich wirken diese Versuche, eine Erklärung zu finden, die darüber hinaus geht, die für uns Menschen beGREIFlich ist, sehr oft wie lautes Singen gegen die Angst im dunklen Keller.

Trösten Hochsensible anders?

Wir HSP haben die Fähigkeit, mitzuschwingen mit den Gefühlen eines anderen Menschen, meistens jedenfalls. Wir müssen dabei nicht reden. Schon unsere eigenen Erfahrungen sagen uns, dass ein Nicken, Lächeln oder eine Hand auf der Schulter hilfreich ist. Auch die eigenen Tränen, die fließen, weil wir den Verlust mitfühlen können, sind willkommen. Zeigen sie doch, dass da jemand wirklich mit-fühlt.

Viele von uns müssen keine Erklärungen finden; wir können akzeptieren und manchmal sogar lieben, was ist.

Und schon gar nicht würde eine echte hochsensible Persönlichkeit unreflektiert etwas herausblasen, was einen anderen Menschen zutiefst verletzen könnte. Jedenfalls ist das mein Glaube und meine Hoffnung…

 

 

Ein Gedanke zu „Trauer und Hochsensibilität“

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