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Heimwärts – eine Trostgeschichte

Heimwaerts Der Ahorn

„Heimwärts“ ist meine erste Trostgeschichte für Dich. Sie ist vor langer Zeit entstanden und war Bestandteil eines Märchenbuches, das ich zu Weihnachten verschenkt habe. Leider ist mir das Manuskript bei einer meiner vielen Aufräumaktionen verloren gegangen. Aber die Geschichten, die mir wichtig sind, haben ihren festen Wohnsitz in meinem Kopf. 😉

Vorbild für diese Geschichte ist eine gewisse ältere Dame, die mir Wurzeln, Stärke, Durchhaltevermögen und sehr viel Liebe mitgegeben hat.

Ein Portrait von Elisabeth Schulz, für die "Heimwärts - eine Trostgeschichte" geschrieben wurde.
Du hast es wahrscheinlich erraten: Es handelt sich um meine Mutter.

Heimwärts – (D)eine Trostgeschichte

Die Frau schloss leise die Haustür hinter sich zu. Abschließen war nicht nötig. Sie würde nicht zurückkehren. Sollte die Wohnung betreten, wer immer es wollte, das interessierte sie nicht mehr.

Es war ein anstrengendes Jahr gewesen, viele Abschiede. Sehr viele Menschen waren gegangen. Sie hatte um jeden getrauert, doch jetzt waren ihre Tränen versiegt. Nicht, weil sie sich getröstet fühlte, sondern weil sie alle Tränen geweint hatte, die sie weinen konnte.

Monatelang hatte sie darauf gewartet, dass „es“ besser werden würde. Es gab Phasen der Traurigkeit, des  Schmerzes, und es gab Phasen, in denen alles wieder gut sein würde. Das hatte die Pastorin bei der letzten Trauerfeier gesagt. Doch die Frau wusste schon lange, dass dies nur der fromme Wunsch eines Menschen war, der Trost spenden wollte.

Nun, wenn man solch ein hohes Alter erreichte, war es unvermeidlich, dass viele Menschen auf dem Weg zurückblieben. Wie oft hatte sie sich seit dem Tod ihres Mannes gefragt: „Warum nicht auch ich?“ Und jedes Mal hatte ihr eine innere Stimme geantwortet: „Weil es so ist.“
Wie oft hatte sie Ihrer Tochter schon sagen müssen: „Jetzt sind nur noch wir beide da. Aber wir können uns aneinander festhalten.“ Diese hatte dann genickt und die beiden hatten sich fest umarmt. Solche Umarmungen waren selten; sie waren beide keine Menschen, die allzu viel Nähe brauchten.

Und so hatte sie immer weitergemacht. Hatte sich ihrer starken Wurzeln besonnen, durchgeatmet, der Trauer ihren Raum gegeben und sich dann ein neues Leben eingerichtet, wieder und wieder. Jetzt blickte sie auf fast 100 Jahre Lebenszeit zurück. Sie hatte ein reiches, aufregendes Leben gelebt: Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts geboren, einen Krieg und eine Flucht erlebt, einen Bruder im Krieg verloren. Doch damals hatte niemand Zeit für Sentimentalitäten oder Innenschau. Es war so, wie es war. Man verabschiedete sich von seinen Träumen oder von den geliebten Menschen und machte weiter.

Es ist, wie es ist

Dieser Satz begleitete sie, als sie das erste Mal von zuhause fort musste und ihre Familie schmerzlich vermisste.
Und er war die Überschrift über allem, was danach kam. Im zweiten Weltkrieg war sie als Krankenschwester im Fronteinsatz, musste zu Fuß von ihrem Einsatzort zurück nach Hause flüchten und hatte vieles verloren, was ihr wichtig war. So war einmal, als sie auf der Flucht eine Anhöhe hinauf rannte, ihre Tasche an einem Ast hängengeblieben. Alle Briefe und Fotos, die sie darin aufbewahrte, fielen heraus und wurden vom Wind weggeweht. Doch sie hatte keine Zeit, sie einzusammeln – die russische Armee war nur noch wenige Kilometer entfernt.

Das war der erste Moment ihres Lebens, in dem sie einfach sitzenbleiben und aufgeben wollte. Aber dieselbe innere Stimme, die auch in späteren Jahren zu ihr sprechen würde, hatte gesagt: „Steh auf und renn! Du schaffst das!
Aufgeben ist keine Option!“ Und so war sie aufgestanden und weitergelaufen. Und hatte zumindest körperlich unbeschadet überlebt.
Der Krieg und all die Jahre danach hatten sie zu einer starken, unbeugsamen und unabhängigen Frau gemacht. Da die Männer ihrer Generation mit solch einer Frau nichts anzufangen wussten, blieb sie die meiste Zeit allein. Bis ihre Tochter kam – ein Wunschkind durch und durch. Sie zog sie allein groß, gegen alle Widerstände gegen „ledige Mütter“, die sie erleben musste. Doch auch dann sagte sie sich: „Es ist, wie es ist.“, tat, was nötig war und biss sich durch.

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘

Dieses Gebet hatte sie mit ihrer Tochter jeden Abend vor dem Schlafengehen gesprochen, als diese noch klein war. Jetzt war sie es, die zur Ruhe gebettet werden wollte. Denn die Frau war zutiefst erschöpft.

Eine Weile hing sie noch auf ihren Gedanken nach, während sie auf dem Balkon ihrer Seniorinnenwohnung stand und auf den herbstlichen Wald blickte. Dann entschloss sie sich, einen Spaziergang zu machen. Sie nahm den Fahrstuhl, grüßte unterwegs alle Mitbewohnerinnen, auf die sie traf, wechselte noch ein paar Worte mit dem Pförtner und ging dann durch den Hinterausgang in Richtung Wald.

Weit konnte sie nicht mehr gehen, dazu waren die alten Knochen einfach zu müde. Doch sie wusste, wohin sie wollte: Es gab ein kleines Stück ab vom Weg einen alten Ahorn, mit dem sie sich schon früher, als sie noch besser zu Fuß war, gern unterhalten hatte. Außerdem wohnten in diesem Baum mindestens ein Eichhörnchen und eine Elster – das hatte sie sehr häufig von ihrem Balkon aus beobachtet.

Nach einem kurzen Marsch konnte sie den Baum sehen. Die Frau umfasste ihren Stock fester, bevor sie sich auf
den unebenen Waldboden wagte. Es dämmerte schon. Nicht nur ihre Tage waren fast unbemerkt immer kürzer geworden; auch das Jahr neigte sich seinem Ende zu.

Heimwärts - zum Stamm des auf dem Foto abgebildeten herbstlichen Ahorns.

Langsam ging sie auf „ihren“ Ahorn zu, legte eine Hand auf den Stamm und streichelte sanft die Rinde. „Da sind wir also!“ flüsterte sie. Und hatte in diesem Moment auf einmal das Gefühl, dass alle bei ihr waren, die schon lange vor ihr diese Welt verlassen hatten: Sie spürte die Anwesenheit des Bruders, der viel zu jung im Krieg gefallen war, aber auch die anderen vier Brüder leisteten ihr jetzt Gesellschaft. Sie waren alle schon so lange fort, obwohl sie doch die Älteste der Geschwister gewesen war. Und da waren auch der Vater ihrer Tochter, ihr in den achtziger Jahren verstorbener Ehemann, ihre beiden besten Freundinnen…

Sie lächelte. Nein, sie war nicht allein hier draußen! Langsam lehnte sie sich an den Stamm und schloss ihre Augen. Den Stock ließ sie fallen. Sie würde ihn nicht mehr brauchen. „Mögt ihr mich abholen, bitte? Ich glaube, es ist Zeit.“
sagte sie in den stillen Wald hinein. Und als ihr eine sanfte Stimme antwortete: „Ja, meine Liebe. Wir holen dich jetzt nach Hause.“ atmete sie noch einmal tief ein und lange, lange aus. Es ging heimwärts.


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