Dreh Dich bitte nicht weg!

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Während der letzten Tage habe ich das eine oder andere Mal erlebt, dass Menschen, die wissen, was passiert ist, sich schnell umdrehen, die Straßenseite wechseln, ins Haus gehen oder auf andere Weise die Flucht ergreifen.

Das kann ich gut verstehen. Ich fühle auch eine große Hilflosigkeit angesichts der Trauer eines anderen Menschen. Und ich glaube, dass unsere Gesellschaft ein Problem mit dem Tod hat. Während beispielsweise in Mexiko die Toten nach wie vor dazugehören, versuchen wir, dem Tod irgendwie aus dem Weg zu gehen – und nach einer Trauerfeier möglichst schnell wieder zum „normalen“ Tagesablauf zurückzukehren.

Zunächst in Mexiko, inzwischen in fast ganz Lateinamerika wird das anders gehandhabt. Am Día de Muertos wird sogar mit und bei den Toten auf dem Friedhof gefeiert. Dieses Fest stammt aus sehr alter Zeit, von den Azteken, die es als respektlos empfanden, um die Toten zu trauern. Für sie war der Tod eine natürliche Phase, die zum Leben dazugehörte.

In unserem Kulturkreis scheinen wir so zu leben, als hielten wir uns für unsterblich, als könnten wir das Leben auch auf später verschieben, wenn wir erwachsen sind oder in Rente, eine Summe X zurückgelegt oder einen besseren Job haben…

Es ist schwer, angesichts des Todes die richtigen Worte zu finden. Vielleicht gibt es die gar nicht?

Was passiert, wenn Du Dich nicht umdrehst, sondern bleibst?

Umso mehr hat es mich berührt, wenn in den letzten Tagen jemand auf mich zugegangen ist und gesagt hat: „Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte. Aber ich wollte dir trotzdem sagen, dass ich mit dir fühle.“ Das reicht! Es tut so gut, einen freundlichen Blick zu spüren und zu hören, dass die Hilflosigkeit nicht nur auf meiner Seite ist.

Kannst Du Dir das Gefühl vorstellen, das ein trauernder Mensch hat, der zusätzlich zum Verlust des geliebten Menschen noch damit fertigwerden muss, auf einmal zum Alien geworden zu sein, weil Bekannte oder Nachbarn die Straßenseite wechseln?

Ein paar Sandalen im Sand symbolisieren das Gefühl, allein dazustehen. Darum die Bitte: Dreh Dich nicht weg!

Ja, ich kann diesen Fluchtimpuls nachfühlen! Es ist schwer, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, denn das führt immer auch dazu, sich auch mit der eigenen Sterblichkeit beschäftigen zu müssen. In dem Moment, in dem ich meine Hand auf die Schulter eines trauernden Menschen lege, werde ich mir zwangsläufig darüber bewusst, dass es auch für mich jederzeit zu Ende sein kann.

Dreh Dich bitte nicht weg.

Nein, ich muss nicht ununterbrochen über das Sterben nachdenken! Aber ich kann mich dem Gedanken öffnen, dass der Tod nichts Schlimmes ist. Manchmal, bei einer schweren Krankheit, kann er ein Geschenk sein. Und immer ist der Tod auch ein Neuanfang.

Ich habe das Gefühl, dass ich dem Menschen, der gestorben ist, näher bin, wenn ich den Tod akzeptiere. Wenn ich versuche zu leugnen, schicke ich diesen Menschen weg, an einen Ort der Verdrängung, an dem ich ihn nicht mehr erreichen kann. Das ist das Letzte, was ich will. Ich will meine Lieben bei mir haben, tot oder lebendig. Ich will dankbar sein können für den gemeinsamen Weg, statt mit der vermeintlichen Ungerechtigkeit des Lebens zu hadern oder zwanghaft wegzusehen, wenn ich auf Tod und Sterben treffe.

Darum meine Bitte an Dich: Wenn in Deinem Freundes- oder Bekanntenkreis ein Mensch gestorben ist, stell Dich Deiner Angst, wenn Du kannst. Vor allem aber: Sei Dir bewusst, dass die (Über-) Lebenden keine geschliffenen Worte brauchen, sondern Deine (wortlose) Anteilnahme.

Eine Bank, von der aus man auf ein Tal blickt - als Symbol für die Bitte "Dreh Dich nicht weg!"

 

15 Gedanken zu „Dreh Dich bitte nicht weg!“

  1. Liebe Sabine, vor 4 Jahren ist der Bruder meines Mannes ganz plötzlich verstorben und ich kann sagen, mir tat eine wortlose Anteilnahme so gut. Schön, dass du dem Thema Umgang mit Trauernden annimmst. Liebe Grüße Nicole

    1. Liebe Nicole, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ja, genauso ist es: Es braucht keine geschliffenen Worte, um einem Menschen mitzuteilen, dass ich mit fühlen kann. Liebe Grüße, Sabine

  2. Liebe Sabine, nach dem ich das jetzt lese, bin ich noch froher, dir geschrieben zu haben. Unbeholfenheit im Angesicht einer Trauernden zuzulassen und zu wissen, das ist zu tiefst menschlich und darf auch gezeigt werden.

  3. Liebe Sabine
    Danke, das du dieses Thema so wunderbar in Worten festhältst. Es ist so schwer die richtigen Worte zu finden, die es ja eigentlich garnicht braucht. Herzensgrüsse und viel Kraft! Nancy

    1. Liebe Nancy, genau jetzt, beim Lesen Deines Kommentars (und bei jedem so mitfühlenden anderen auch), kann ich lächeln. Mit Tränen in den Augen. Aber die dürfen da auch sein, denn sich so gesehen zu fühlen ist nicht selbstverständlich. Danke dafür!

  4. Ich habe immer Angst zu weinen, weil es doch der Schmerz des anderen ist? Ich kann halt nicht anders. Meine Tränen gehören der oder dem Trauernden. Wenn ich kann oder darf, dann nehme ich einen Teil des Schmerzes in mir auf.

    1. Liebe Claudia, ich könnte mir vorstellen, dass Du (wie ich) zu den Hochsensiblen gehörst, und da liegt meiner Erfahrung nach Mit-Fühlen und Mit-Leiden ziemlich dicht beieinander. Ich weine auch jedes Mal, wenn ich fremden Schmerz sehe oder fühle.
      Und kann aus Sicht der Trauernden sagen: Alle Tränen gehören denjenigen, die gegangen sind und sind ein Zeichen der Liebe.

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