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Die Welt hört auf, sich zu drehen – 5 Fragen an Uwe Telkamp

Uwe Telkamp

„Die Welt hört auf, sich zu drehen.“ So beschreibt Uwe Telkamp, ein sehr geschätzter Kollege aus früheren Tagen, seine Empfindungen angesichts des Todes seiner Frau im März 2021.

Alexandra und Uwe waren in meinen Augen immer ein Dream-Team. Während meiner Zeit als JobCoach für Menschen mit „multiplen Vermittlungshindernissen“ durfte ich mehrfach mit ihnen zusammenarbeiten. Und sie konnten im Winter 2012/13 ein frischverliebtes Paar in mittleren Jahren erleben: Meinen späteren Mann und mich. Nicht nur, weil ich so verliebt war, habe ich besonders diese letzte Zusammenarbeit in allerbester Erinnerung. Alexandra und Uwe waren voller Wertschätzung für die vom Jobcenter geschickten Teilnehmenden, sie hatten unglaublich gute Ideen für die Gestaltung der gemeinsamen Zeit im Gepäck und ganz andere Blickwinkel auf die Menschen. Während viele nur die Mängel gesehen haben, schauten die beiden auf das Potenzial.

Irgendwann verloren wir uns aus den Augen – bis ich bei Facebook aktiv wurde und den beiden virtuell in den hohen Norden folgte. Über Facebook erreichte mich auch die Nachricht von Alexandras Tod, die mich sehr betroffen machte – nicht nur, weil sie in meinen Augen viel zu jung war, um schon zu gehen, sondern auch, weil ich mit ihrer Person immer sehr viel Lebensmut und -freude verbunden hatte.

Inzwischen haben Uwe und ich eine Erfahrung gemeinsam, von der wahrscheinlich jede sagen würde: „Das hätte ich nicht gebraucht.“ Wir haben unsere Liebsten zu einem Zeitpunkt tot aufgefunden, als wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten.

Sehr froh und dankbar bin ich, dass Uwe als erster Mann meine fünf Fragen zu Abschied und Tod beantwortet hat. Wir haben unser Gespräch via Zoom geführt und dabei sowohl unsere traumatische Erfahrung als auch die Erinnerung an unsere Liebsten geteilt.

Uwe Telkamp mit einem seiner Boarder-Collies am Strand. Er sagt zum Tod seiner Frau: "Die Welt hört auf, sich zu drehen."

1. Was bedeutet Tod für Dich?

Wie fühlt sich die Erfahrung an, einen geliebten Menschen zu verlieren?

Diese Normalität, die man vorher hatte, ist mit einem Schlag nicht mehr da. Die Welt hört auf, sich zu drehen. Es ist so, als würde alles stillstehen. Ich habe gedacht, dass mich das von innen heraus sprengen wird. Und ab diesem Moment kommt nichts mehr wirklich an. Dieser Verlust hat sich so dumpf angefühlt. Und es schien so, als wären zwei Drittel von mir mit ihr gestorben. Es gab einfach nichts mehr, was existierte.

Du gehst vor die Tür, draußen ist für die anderen Menschen alles so, wie es immer ist – aber für Dich nicht (mehr). In ihrer Welt existiert meine Trauer nicht. Auch deshalb habe ich mich unendlich allein gefühlt. Habe mich immer wieder gefragt: „Was habe ich getan, dass mir das passiert?“

2. Fühlst Du/hast Du Kontakt zu Deinen Liebsten, die bereits gegangen sind? Wenn ja: Wie nimmst Du sie wahr?

Nach der Beisetzung auf See (die ich gewählt habe, weil ich mit Friedhöfen nichts anfangen kann) war Alexandra lange Zeit nicht da. Und ich habe gefragt: „Warum kommst Du nicht?“

Eines Tages habe ich beim Betreten des Hauses ihr Parfum gerochen. Dieser Duft war erst nach drei Stunden wieder weg. Auch die Hunde haben sich ganz anders als sonst verhalten.

Einen richtigen Kontakt zu ihr habe ich erst etwa neun Monate nach ihrem Tod gespürt. Es war eine ganz liebevolle und ruhige Präsenz; gesehen habe ich sie nicht.

Nicht nur deshalb glaube ich, dass nichts auf der Welt verlorengeht, sondern sich nur die Zusammensetzung ändert. Es ist ein unglaublich segensreicher Moment, wenn Du jemanden fühlst. Denn dann ist er nicht weg.

3. Wie gehst Du mit dem Gedanken an Deine eigene Endlichkeit um?

Mir macht die Endlichkeit keine Angst. Ich weiß ja gar nicht, ob ich endlich bin. Und ganz egal, was ich mir vorstelle: Ich werde nicht wissen, ob es wahr ist.

Allerdings glaube ich, dass der Tod selbst nicht schlimm ist. Der Weg vom Leben in den Tod könnte aber sehr schmerzhaft werden. Denn die Trennung von allem, was man liebt, tut einfach weh.

Und ich finde es sehr wichtig und schön, dass (wir) Menschen an etwas glauben können, jede/r auf die eigene Weise. Es tröstet. Deshalb kann ich mich auch über einen „fremden“ Glauben sehr freuen.

4. Wenn Du eines Tages gehst: Was möchtest Du der Welt hinterlassen?

Ich will meine Liebe hinterlassen und in der Gewissheit gehen, dass ich für meinen Sohn alles getan habe, was ich konnte.

Ich möchte, dass man sich an mich als jemanden erinnert, der voller Wertschätzung und Respekt für andere war. Dass die Menschen sagen: „Ach, mit dem Uwe war alles gut!“

5. Was glaubst Du, wohin Du gehen wirst?

Das habe ich ein Stück weit schon in Frage zwei beantwortet: In meiner Vorstellung wechseln wir nur die Zusammensetzung, aber wir verschwinden nicht.

Ich glaube nicht an Himmel oder Hölle – das ist ein menschliches Konstrukt. Denn wenn Gott ein liebender Gott ist, will er nicht bestrafen.

Ob es etwas gibt… Wir wissen es nicht.

Lieber Uwe, vielen Dank für Deine Offenheit und den schönen, wertvollen Austausch!

Für mich war es tatsächlich erst das zweite Mal, dass ich mich mit einem männlichen Menschen über seine Trauer unterhalten habe. Das Gespräch hat mit der einen oder anderen Annahme aufgeräumt, die ich über mögliche Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Trauer hatte. Und es hat mir wieder einmal gezeigt, dass es keine identischen Trauerprozesse gibt.

Uwe und ich haben nicht nur die Erfahrung gemeinsam, unsere Liebsten tot aufzufinden. Wir haben auch die Reaktion unseres Umfelds ähnlich erlebt.

Wenn Du übrigens „Umgang mit Trauer“ googelst, wirst Du feststellen, dass die meisten Vorschläge sich damit beschäftigen, „wieder ins Leben zurückzukehren“, „die Trauerprozesse zu durchlaufen“, „Loszulassen“ …

… und trotzdem leben!

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Auch wenn Du es Dir im Moment noch nicht vorstellen kannst – es wird gute Zeiten geben.

Bis dahin bin ich gern an Deiner Seite.

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10 Gedanken zu „Die Welt hört auf, sich zu drehen – 5 Fragen an Uwe Telkamp“

  1. Avatar of Nicole Borho

    Liebe Sabine, lieber Uwe, das ist ein sehr berührendes und ehrliches Interview und zeigt: Auch Männer dürfen trauern. Schön, dass Uwe den Weg auf deine Seite gefunden hat und Uwe mit seinem Interview dazu beiträgt, dass auch Männer Trauer zulassen dürfen. Stück für Stück können wir so die Welt ein bisschen menschlicher und heller werden lassen. Liebe Grüße Nicole

    1. Avatar of Sabine Scholze

      Liebe Nicole, vielen Dank für Deine Worte! Ich wünsche mir wirklich für jede und jeden in Trauer, dass sie auf ihre Weise Abschied nehmen dürfen. Und würde mich sehr freuen, wenn die Interviews dazu beitragen.

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  4. Avatar of Gisela

    Liebe Sabine, lieber Uwe,
    aus dem Artikel kann ich Euer geführtes Gespräch fühlen und die Ehrlichkeit, Wertschätzung füreinander schwingt durch. Ihr habt miteinander Eure Herzen berührt und die Herzen derer, die vorausgegangen sind.
    Liebe Grüße, Gisela

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