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Mein Jahresmotto 2022: Die Trauer willkommen heißen

Jahresmotto 2022 Beitragsbild

Warum solltest Du, sollten wir, sollte unsere Gesellschaft die Trauer willkommen heißen? Weil es wichtig ist, dass Menschen, die um einen Verlust trauern, diese Trauer auch zulassen können – solange sie dauert. Denn dieser Prozess braucht seine Zeit.

Wieviel schwieriger wäre es, ihn zu durchleben, wenn wir dabei noch denken: „Aber eigentlich müsste ich doch…“ Wir sollten uns unsere Trauer erlauben dürfen, in der unserem Wesen entsprechenden Intensität, in einer Form, die sich (vielleicht nur) für uns richtig und gut anfühlt.

Denn nur, wenn wir unserer Trauer den Raum geben, die sie benötigt, können wir eines Tages in ein neues, anderes Leben zurückkehren. Natürlich leben wir auch, während wir trauern. Aber bis wir unseren Verlust sozusagen in unsere Zellen integriert haben und er dort zu einem Teil von uns wird, braucht es Zeit. Ebenso braucht es Zeit, bis wir uns ein anderes, ein neues Leben überhaupt vorstellen, geschweige denn führen können.

Warum Du Deine Trauer willkommen heißen darfst

Unser Verlust ist wie eine tiefe Wunde: Sie tut erst einmal unbeschreiblich weh. Sie blutet, manchmal so stark, dass wir fürchten, selbst daran zu sterben. Dann kommt der erste Schorf. Den kratzen wir manchmal absichtlich weg, manchmal stoßen wir uns irgendwo und es blutet erneut. Je nachdem, wie gut unsere Haut zu heilen in der Lage und wie tief die Wunde ist wird sie sich eines Tages schließen. Eine Narbe wird bleiben. Möglicherweise für immer.

Während der Zeit der Trauer beziehen wir uns immer noch zu einem großen Teil auf das, was wir verloren haben, was jetzt nicht mehr da ist. Das gehört ebenso zum Prozess wie unsere Wut, Verwirrung, Verzweiflung, die Tränen und das Erinnern.

Auch die Trauer um meinen Mann ist noch nicht beendet. Ich habe auch nicht vor, ihn jemals „loszulassen“ oder gar zu vergessen. Ich will ihn bei mir behalten bis ans Ende meiner Tage. Und das fühlt sich für mich richtig an. Trotzdem werde ich leben. Ein anderes Leben. Irgendwann.

Deshalb dürfen wir unsere Trauer willkommen heißen. Sie ist nicht unsere Feindin, ganz im Gegenteil. Sie wird uns treu begleiten, so lange es nötig ist. Lassen wir uns von ihr an die Hand nehmen!

Unser soziales Umfeld darf uns in unserer Trauer willkommen heißen

Die Angehörigen und Freundinnen dürfen den Menschen in und mit seiner Trauer willkommen heißen, indem sie sich z.B. sagen: „Ja, meine Freundin/Schwester/Tante/… trauert jetzt. Ich kann nicht mehr tun als bei ihr zu sein. Und schon gar nicht kann oder will ich ihr vorschreiben, wie sie zu trauern hat.“ Sie können versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten da zu sein und diesem Menschen beizustehen.

Wenn ihnen das aus den unterschiedlichsten Gründen nicht möglich ist, dürfen sie den Mut aufbringen, das der Trauernden auch zu sagen. Natürlich kann man auch versuchen, das zu erklären, aber aus meiner Sicht ist das nicht nötig.

Trauernde sind kein einfacher Umgang (das weiß ich aus eigener Erfahrung). Ihre Stimmungen schwanken, auch sind sie gern einmal „bollerig“ oder ungerecht. Sie vergessen Termine, Geburtstage, Verabredungen, weil alle Gehirnzellen gerade in der Anfangszeit mit dem Trauerprozess beschäftigt sind. Das meinen sie nicht böse; aber die Hilflosigkeit angesichts all dieser Gefühle findet ihren Ausdruck auf unterschiedlichste Weise. Wenn dann eine Freundin sagt: „Ich kann diese Situation gerade nicht mehr aushalten. Deshalb muss ich jetzt für mich sorgen. Aber mit dem Herzen bleibe ich bei dir.“ würden wir das möglicherweise auch verstehen können.

Was nicht schön ist und überhaupt nicht hilfreich: Zu erklären, dass „man“ (also wir Trauernden) jetzt langsam zum „normalen“ Leben (das es nicht mehr gibt) zurückkehren sollte.

Die Gefühle und den Trauerprozess willkommen heißen

Wenn ich die Trauer willkommen heiße, begrüße ich auch den Trauerprozess und alle Gefühle, die dabei auftauchen mögen. Ich bin bereit, etwas zu durchleben, von dem ich noch nicht weiß, wie es vonstatten gehen wird. Denn wie ein Trauerprozess „üblicherweise“ verläuft, kann man nachlesen. Aber wie er bei Dir oder mir verläuft, wie lange die einzelnen Phasen dauern und wie oft wir zwischen ihnen hin- und herspringen, können wir vorher nicht wissen.

Das können wir erst sagen, wenn wir diese Phasen durchlebt haben. Aber das können wir nur für den Prozess sagen, den wir gerade durchlebt haben. Beim nächsten Abschied kann alles schon wieder ganz anders aussehen und ablaufen.

Wir dürfen akzeptieren, dass ein Trauerprozess und die zu ihm gehörenden Gefühle einmalig sind. Und vielleicht wird es dann auch leichter, uns darauf einzulassen, ohne eine bestimmte Entwicklung zu erwarten.

Diese Antwort würde ich heute jemandem geben, der mich fragt, warum ich mit Trauern „noch nicht fertig“ bin.

Ein Portrait von Sabine Scholze im schwarzen Ledermantel mit auf den Händen gestütztem Kopf. Ihr Jahresmotto 2022: "Die Trauer willkommen heißen".
Dieses Foto entstand bei einem Fotoshooting mit Sabine Prilop auf dem Göttinger Stadtfriedhof. Der Friedhof ist für viele Menschen ein guter Ort, um die Trauer willkommen zu heißen.

Und „die Gesellschaft“?

Insbesondere unsere (westliche, westeuropäische, deutsche) Gesellschaft will die Trauer nicht haben. Trauer bremst uns. Sie macht uns bewusst, dass wir endlich sind. Sie verändert die Relationen zwischen Haben und Sein.

Wie wäre es, wenn wir als Gesellschaft den Gedanken zulassen könnten, dass der Tod zum Leben gehört? Wenn wir uns mit diesem Gedanken ernsthaft und gründlich auseinandersetzen würden? Wenn wir damit aufhörten, wegzulaufen aus Angst, die Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens würde uns auf der Stelle umbringen.

Die möglichen Folgen wären weitreichend: Vielleicht fänden wir den Besitz von Dingen auf einmal nicht mehr erstrebenswert. Vielleicht kämen Zweifel in uns auf, ob die Sinn-Frage am Ende unseres Lebens etwas spät gestellt ist. Es gibt ein Buch von Bronnie Ware, was Sterbende bereuen. Wer das gelesen hat, weiß, dass keine einzige Sterbende bereut hat, in ihrem Leben nicht genug gearbeitet zu haben.

Wo kämen wir hin, wenn wir uns unserer Endlichkeit stellten? Würden wir dann immer noch für ein neues Smartphonemodell die ganze Nacht anstehen? Unsere Nachbarin wegen einer „wilden Corona-Party ohne Masken“ anzeigen? In einer politischen Diskussion auf jeden Fall Recht behalten wollen? Wären wir noch so gut regierbar, wenn wir wüssten, dass wir alle das gleiche Ende vor uns haben? Puh… So rebellisch wollte ich gar nicht werden. 😉

Der Tod wird passieren – heißen wir ihn willkommen!

Abschied, Tod und Sterben sind nichts, wovor wir Angst haben müssen. Ganz im Gegenteil: Sie können unser Denken, Handeln und Fühlen unglaublich wertvoll machen. Darum ist es sinnvoll, sie in unser Leben zu integrieren, statt ihre Gesellschaft nur zähneknirschend und für einen begrenzten Zeitraum zu ertragen und uns dann schnell wieder abzuwenden.

Der Tod meines Mannes hat mir neue Horizonte und ungeahnte Möglichkeiten erschlossen. Er hat mir (wieder) bewusst gemacht, was für mich wichtig ist in diesem Leben. Er hat mein Herz geöffnet, auch und vor allem für Dich und Deine Trauer.

Natürlich fehlt mir mein Liebster. Jeden Tag, jede Nacht und bei jeder Aktivität, die ich jetzt ohne ihn ausüben muss. Und natürlich hätte ich gern mehr Zeit mit ihm gehabt. Aber das Leben hatte andere Pläne für uns. Und wer bin ich, mich dem Fluss des Lebens in den Weg stellen zu wollen?

Woran wirst Du erkennen, dass ich mein Jahresmotto lebe?

  • Während ich als Trauergefährtin an Deiner Seite bin, wirst Du fühlen, dass ich mich auf das einlasse, was Du Dir wünschst. Dass ich Dich in Deinem Prozess begleite, ohne zu bewerten, etwas beschleunigen, verlangsamen oder sonstwie verändern zu wollen.
  • Du wirst es daran merken, dass ich mich ausschließlich auf diese Aufgabe konzentrieren werde, ohne rechts und links des Weges andere Projekte zu bearbeiten. Was für eine multitaskende Vielbegabte eine sehr, sehr große Herausforderung ist! 😉
  • Daran werde ich so lange arbeiten, bis ich sicher bin, dass mein Unterstützungsangebot an Dich gut und im Rahmen meiner Möglichkeiten vollständig ist. Und Du bist herzlich eingeladen, mit Anregungen, Kritik und/oder Wünschen zu diesem Angebot beizutragen!

Du möchtest gern meine Entwicklung mit verfolgen? Dann abonniere meine persönlichen Briefe an Dich. Die kannst Du auch lesen, wenn es gerade keinen Abschied in Deinem Leben gibt.

… und trotzdem leben!

Hier kannst Du meinen Trost- und Mutmach-Letter mit hilfreichen Gedanken, Geschichten und Tipps abonnieren.

Auch wenn Du es Dir im Moment noch nicht vorstellen kannst – es wird gute Zeiten geben.

Bis dahin bin ich gern an Deiner Seite.

Deine Privatsphäre ist geschützt! Erfahre mehr in meiner Datenschutzerklärung.

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15 Gedanken zu „Mein Jahresmotto 2022: Die Trauer willkommen heißen“

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  2. Avatar of Veronika

    „Sie wird uns treu begleiten, solange es nötig ist.“ Was für eine wundervoll tröstliche Wahrnehmung von Trauer.
    Danke für den Raum, den du hier öffnest. Für Emotionen, die so gern weggeschoben werden. Fürs atmen und sein dürfen.

    1. Avatar of Sabine Scholze

      Liebe Veronika, ja, das ist der Plan. Und deshalb habe ich mich entgegen meiner vorherigen Ideen für dieses Thema und dieses Motto entschieden. Und ich bin so froh, dass es auch ankommt!

      Dankeschön! 🙂

      Sabine

  3. Avatar of Susanne

    Liebe Sabine,
    Dein Text – so wunderschön, liebevoll und wärmend. Trauer von einer ganz anderen Seite betrachtet. Trauer ist nicht das Problem, Trauer ist die Lösung. Diesen Satz habe ich von Chris Paul, und er hat sich tief in mein Herz geschrieben. Deine Worte stehen jetzt gleich daneben.

  4. Avatar of Nicole Borho

    Liebe Sabine, das sind so wohltuende Worte. Ich hoffe, dass sie viele Trauernde erreichen werden, um ihnen das Gefühl zu geben, dass ihre Trauer sein darf. Danke, dass du du dieses Thema in die Gesellschaft trägst. Liebe Grüße Nicole

    1. Avatar of Sabine Scholze

      Liebe Nicole, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich bin sicher, dass wir dieses Thema gemeinsam in die Gesellschaft tragen – und dafür sorgen werden, dass es dort auch bleibt. Denn niemand sollte bei Abschieden und Trauer allein sein.

      Sabine

  5. Avatar of Nora Curcio

    Liebe Sabine,

    Dein Text und dein Thema gefällt mir! Was du über den Prozess der Trauer schreibst, ist sehr wertvoll für Menschen, die meinen das sollte und müsste doch jetzt mal vorbei sein….
    Auch über die Phasen der verschiedenen Gefühle. Das kenne ich auch. Loslassen ist erstmal sich darauf einzulassen und alles zuzulassen, egal wie lange es dauert.
    Das fördert Gesundung auf allen Ebenen.
    Liebe Grüße, Nora

    1. Avatar of Sabine Scholze

      Liebe Nora, vielen Dank für Deinen Kommentar! Auch ich hoffe darauf, (m) einen Beitrag zu einem wertschätzenderen Umgang mit Tod, Trauer und Trauernden leisten zu können. Umso mehr freut es mich, wenn es bei meinen Leserinnen auch ankommt. 🙂

      Herzliche Grüße, Sabine

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