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Die Seiltänzerin und die Unendlichkeit

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Achtung! Disclaimer! Katja, die Heldin meiner Geschichte, ist bereit, alles für ihren Traum zu riskieren. Katja ist eine erdachte Person. Ich bin real, liebe es dramatisch und habe eine sehr eigene Vorstellung von Happy-Ends. Deshalb ist dies keine Geschichte, die kleine Menschen allein lesen sollten – oder große, die sehr mitfühlend sind und mit einem vermeintlich traurigen Ende nicht umgehen können.

Aber jetzt zur Geschichte: Die Seiltänzerin und die Unendlichkeit

Es war einmal ein junges Mädchen namens Katja. Sie entstammte einer sehr alten Artistenfamilie, die schon seit Generationen um die Welt zog und überall  ihre Kunststücke zeigte. Während ihre Brüder sich recht früh entschieden hatten, dass sie jonglieren, Einrad fahren oder zaubern wollten, zog es Katja zu den gefährlichen Disziplinen. Zunächst versuchte sie sich als Assistentin des Messerwerfers. Das wurde ihr jedoch nach kurzer Zeit langweilig, denn sie hatte nichts weiter zu tun als hübsch auszusehen, sich von ihm bewerfen zu lassen und ab und zu einen Apfel auf dem Kopf oder eine Zigarette im Mund zu tragen.

Eines Tages fragten die Trapezkünstler, ob Katja Lust hätte, in ihrer Gruppe mitzumachen. Sie hatte, und so trat sie mit den „Flying Dragons“ auf. Aber obwohl es ihr sehr viel Freude machte, durch die Lüfte zu fliegen, hatte sie das Gefühl, noch nicht am Ende ihrer Träume angekommen zu sein. Darum verließ Katja die Truppe und den Zirkus nach einem Jahr und beschloss, von jetzt an allein weiter zu machen.

Nach einiger Zeit, die sie mit Nachdenken verbrachte, wußte sie, was sie tun wollte: Katja würde Seiltänzerin sein.

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So etwas können nur mutlose Artistinnen tun – für uns normale Menschen ist das viel zu gefährlich.

Katja wird Seiltänzerin

Sie besorgte sich alles, was sie dafür benötigte und begann mit dem Training. Da Katja sehr talentiert und mutig war, hatte sie bald mehrere Shows im Programm. Sie trat im Zirkus auf, bei Festen oder Paraden und ihre Kunststücke wurden immer tollkühner. Bald war sie weltberühmt.

Wo immer Katja auftrat, wurde sie von jubelnden Menschen erwartet, die jedes ihrer Kunststücke begeistert feierten und sich nach ihrem Auftritt um ein Selfie mit ihr rissen.

Katja wurde immer wagemutiger: Sie vollführte Salti, Rollen, Sprünge, lief durch brennende Reifen, fuhr auf dem Seil mit dem Einrad; einmal sogar mit einem Motorrad. Gleichgültig, wie gefährlich das war, was sie gerade tat, Katja sah niemals so aus, als sei es anstrengend. Sie flirtete mit ihrem Publikum, lächelte ununterbrochen, und wenn sie einen besonders guten Tag hatte, tanzte sie auf dem Seil nach einer nur für sie komponierten Musik, als sei sie eine Primaballerina mit festem Boden unter den Füßen.

Katja war glücklich. Sie hatte alles, was sie brauchte, verdiente gutes Geld und war berühmt. Sesshaftigkeit oder die Sehnsucht danach kannte sie nicht und von der Liebe wollte sie nach ihrer Trennung von einem überängstlichen und traurigen Clown auch nichts mehr wissen.

So hätte es für immer weitergehen können, bis sie eines Tages wie alle anderen Artistinnen vor ihr in eine leichtere Disziplin gewechselt wäre:  Kaninchendressur vielleicht, Jonglage oder Clownerie.

War das wirklich schon alles?

Doch eines Tages spürte Katja auf einmal eine große Traurigkeit. Sie hatte einen Auftritt in einer amerikanischen Metropole vor sich. Sogar eine riesige Halle war allein für sie reserviert worden. Doch sie ertappte sich dabei, wie sie auf die Uhr sah und ausrechnete, wann sie wieder in ihrem Hotel sein würde. „Nun, jede kann einmal einen schlechten Tag haben.“ sagte sie sich und kümmerte sich nicht weiter darum.

Aber es blieb kein Einzelfall. Sie freute sich überhaupt nicht mehr auf ihre Auftritte, hatte keine Lust, neue Nummern einzustudieren und sehnte sich zum ersten Mal in ihrem Leben nach Urlaub. „Was ist nur los mit mir? Werde ich alt?“, fragte sie sich.

In einer ruhigen Stunde dachte sie über ihr Leben, ihre Kunst und ihre Zukunft nach. Was wollte sie? Was sollte aus ihr werden, später, wenn sie zum Herumreisen und Seiltanzen zu alt sein würde? Wollte sie eine Familie? Einen Mann? Haustiere? Katja grübelte und grübelte, sie machte lange Spaziergänge; fast war es ihr, als liefe sie vor etwas davon.

Und auf einmal, so, als hätte eine innere Stimme, die bisher immer ganz still gewesen war, plötzlich allen Mut zusammengenommen, hörte sie sich sagen: „Ich will etwas tun, was mich unsterblich macht!“ Sie sagte diesen Satz mehrmals vor sich hin, und er fühlte sich gut an.

„Ja, ich werde unsterblich sein1“ schleuderte sie ihrem Spiegelbild entgegen.

Sofort rief Katja den Bürgermeister einer Stadt an, in der die beiden höchsten Gebäude der Welt standen und erzählte ihm von ihrem Plan. Er war begeistert. „Hunderttausende werden Sie dabei sehen wollen, meine Liebe! Die Hotels werden ausgebucht sein! Alle Welt wird von uns sprechen! Ich kümmere mich sofort um Sponsoren.“ rief er.

Katja würde auf ihrem Seil quer über einen Prachtboulevard spazieren, und das Seil würde in mehr als einhundert Metern Höhe zwischen den beiden höchsten Häusern aufgespannt sein. Ja, das war Leben! Ohne Sicherheit, ohne Bedauern, ohne Schutz!

Natürlich war ihr ein wenig mulmig, denn sie wußte, dass sie keinen einzigen Fehler machen durfte, wenn sie ihre Show lebend beenden wollte. Aber was wollte sie mit einem Leben, das keine Risiken barg?

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Als der große Tag gekommen war, meldeten sich innere Stimmen, die sie vorher noch nie gehört hatte: „Willst du das wirklich tun? Deine Familie wird sehr traurig sein, wenn du abstürzt.“, „Überlege dir alles noch einmal gut, denn du kannst nicht zurück, wenn du erst einmal dort oben bist!“, „Wem willst du denn etwas beweisen? Sie lieben dich doch auch, ohne dass du dein Leben risierst!“.

Katja ignorierte die Stimmen. Sie wollte einmal in ihrem Leben etwas tun, wovor sie Angst hatte, und sie wollte diese Angst besiegen. Denn natürlich hatte sie Angst! Gar nicht so sehr vor einem möglichen Sturz, sondern viel mehr vor der Einsamkeit dort oben.

Aber dafür war es jetzt zu spät. Katja atmete tief durch, verließ ihren Wohnwagen und begab sich unter dem Jubel der Menge in Richtung des Hubschraubers, der sie auf dem Dach des Gebäudes absetzen sollte. Sie verbeugte sich vor den vielen Menschen, legte ihren Umhang ab und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz auf der Schaukel, die an den Kufen des Hubschraubers festgemacht war. Schnell war sie in der Luft, winkend und lächelnd. Dann kam ihr Ziel in Sicht. Sie stieg ab, hielt sich fest und ging langsam, immer noch winkend, auf das Ende des Daches zu.

Ein letzter tiefer Atemzug, eine Bitte um Schutz an ihre höhere Macht, dann breitete Katja die Arme aus und betrat das Seil. Die ersten Schritte tat sie sehr vorsichtig. Doch dann sagte sie sich dass sich an der Beschaffenheit des Seils und ihrem Können nichts geändert hatte, nur weil sie in größerer Höhe arbeitete.

Nach ein paar Metern fühlte sie sich erleichtert. Ja, das war Leben! Dem Himmel näher als jemals zuvor, frei, im Licht der strahlenden Sonne und von der Menge bejubelt!

Der erste Salto. Klatschen, Rufen von ganz weit unten. Sie stand wieder sicher auf dem Seil. Jetzt begann sie zu tanzen, hörte tief in sich eine Melodie, vollführte Pirouetten, lächelte, lachte und rief ein lautes „Ich lebe!“ in den blauen Sommerhimmel. Sie würde niemals mehr glücklicher sein als in diesem Moment.

Dann – eine Windböe. Katja verlor das Gleichgewicht, ihre Hände griffen am Seil vorbei und sie stürzte in die Tiefe. „Wenn das der Preis für diesen Moment ist, will ich ihn gern zahlen.“ war ihr letzter Gedanke. Sie schloss ihre Augen, während sie lächelnd der Unendlichkeit entgegen schwebte.


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