Die Gnade des Schmerzes

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Was soll das sein: die Gnade des Schmerzes? Ist das nicht ein bisschen zu esotherisch, pathetisch, romantisch…?

Ist es nicht. Nicht für mich. Vielleicht kannst Du diesen Gedanken mit-denken, wenn Du ein Stückchen mit mir kommst.

Wann ist eine Trauerphase zu Ende?

Vor ein paar Tagen habe ich ein seltsames Telefonat geführt. Dabei ging es nicht um Tod und Trauer, sondern um etwas Organisatorisches. Der Mensch am anderen Ende der Leitung fragte nach den ersten Sätzen, wie es mir ginge.

Ich antwortete, ich sei okay. Das kommentierte mein Gesprächspartner so: „Aber du hast gerade etwas verweint geklungen.“

Ich erwiderte: „Ich habe geweint. Ich bin immer noch traurig.“

„Jaja, das glaube ich dir. Aber bei unserem letzten Gespräch warst du ganz klar. Deshalb dachte ich, du hättest die ganz schlimme Trauerphase weitgehend durch.“

Ich habe das unkommentiert gelassen. Unser Gespräch hat mich jedoch noch sehr lange beschäftigt.

Haben wir Angst vor der Traurigkeit?

Ich frage mich, ob es sein kann, dass viele Menschen vor der Trauer Angst haben, Angst vor diesen tiefen Gefühlen, den Tränen, dem Schmerz des Verlustes.

Um mich herum sind die meisten wieder in Aktivität gegangen, haben ihre täglichen Aufgaben wahrgenommen, manchmal sogar mehr gearbeitet, als es vielleicht notwendig gewesen wäre.

Wir haben alle unsere eigene Art, mit Trauer und Traurigkeit umzugehen. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass gerade in unserer westlichen Kultur viele Menschen angesichts von Tod und Trauer der Hinterbliebenen sehr hilflos sind. Auch die Hinterbliebenen selbst scheinen häufig Probleme damit zu haben, die Trauer in ihr Leben zu integrieren.

Ich kann hier nur für mich und meine Bedürfnisse schreiben. Ich will jedes Gefühl, das ich habe, fühlen, so lange es eben dauert. Das wollte ich von Anfang an. Ich wollte nie etwas „wegmachen“, nicht wahrhaben, mit Aktivität zudecken.

Ich möchte das, was es zu fühlen gibt, auch in meinem Körper wahrnehmen, überall, wo es sich bemerkbar macht: In meinem Herzen, meinem Bauch, meinen Augen, auf der Haut… Ich möchte jede Träne weinen, die in mir ist und geweint werden will.

Zwei paar Füße stehen nebeneinander, die eines Mannes und einer Frau.
Eines der vielen Bilder aus unserer gemeinsamen Zeit, die ich im Herzen behalten werde.

Das will ich, weil mein Mann und ich angesichts der Liebe, die uns verbunden hat, diese Trauer einfach verdient haben. Es ist für mich vollkommen in Ordnung, meiner Traurigkeit und meinem Schmerz Ausdruck zu geben, wie ich es gerade kann.

Vor inzwischen zwei Monaten ist mein Liebster gegangen, und es mag sein, dass es ruhiger wird in mir und um mich herum. Gleichzeitig werde ich aber auch mit jedem weiteren Tag ohne ihn trauriger; vielleicht, weil ich nicht mehr so viel zu erledigen habe wie in der ersten Zeit und meine Gefühle in und mit Ruhe besser zulassen kann.

Gibt es eine „Gnade des Schmerzes“?

Ich bin nicht verzweifelt, ich will diese Welt nicht verlassen, um wieder bei ihm zu sein. Vielleicht tue ich das, was mein Lieblingspsychologe Robert T. Betz „Gefühle bejahend fühlen“ nennt.

Genau das ist für mich der Punkt: Ich will nichts wegmachen, mich nicht ablenken, nichts verbuddeln, sondern alles so fühlen, wie es in diesem Moment da ist. Deshalb lenke ich mich nicht mit mehr Arbeiten ab, rufe ich mich nicht zur Ordnung, wenn mir während eines Gesprächs die Tränen kommen (eine Ausnahme sind Gespräche mit Bank- oder Versicherungssachbearbeiterinnen), fahre rechts ran, um in Ruhe zu Ende zu weinen – und fühle, was zu fühlen ist.

Damit geht es mir gut. Denn so darf ich das erleben, was meine liebe Kollegin und Mit-Bloggerin Barbara-Mira Jakob in unserem Interview gesagt hat: Ich fühle die Gnade des Schmerzes.

Kerzen, eine Holzkiste und Fotos darauf. Diese Bilder zu bewahren hat mit der Gnade des Schmerzes zu tun.
Einer meiner Orte der Erinnerungen.

Und genau das ist es, was mich gleichzeitig tröstet: Ich darf fühlen. Ich darf in meiner Traurigkeit die Verbundenheit mit meinem Liebsten weiter (er-) leben.

Das ist mir jede Träne wert, die noch von mir geweint werden will.

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