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„Da ist nichts, was leiden kann“ – 5 Fragen an Janosch Mertens

Janosch Mertens Beitragsfoto 2

„Wenn nach dem Tod nichts mehr ist, ist da auch nichts, was leiden kann.“ sagt Janosch Mertens, ein weiterer ehemaliger und von mir sehr geschätzter Kollege. Obwohl wir während unserer kurzen gemeinsamen Tätigkeit nicht allzu viel direkt miteinander zu tun hatten, trafen wir uns in anderen Zusammenhängen immer wieder.

Janosch Mertens über Abschied, Tod, Trauer und Leiden

Janosch hatte irgendwann einen meiner sich ausschließlich an die weibliche Hälfte der Welt gerichteten Artikel mit den Worten :„Uieeeh, dann bin ich wahrscheinlich doch nicht so richtig hier, Sabine??!“  kommentiert. Aus diesem Austausch entstand die Idee, einen gemeinsamen Spaziergang für ein Interview zu nutzen.

Das hat nicht geklappt. Wir mussten uns erst gegenseitig auf den neuesten Stand bringen. 😉 

Was ich vor unserem Interview auch nicht wusste: Janosch ist quasi ein Kollege. Er ist Ende der 90er Jahre nach Göttingen gekommen, um dort Hospizarbeit zu machen und war einige Jahre ehrenamtlich in der ambulanten Hospizarbeit tätig.

Aber eine Woche später haben wir uns via Zoom noch einmal getroffen. Weil wir uns nicht Punkt für Punkt durch meine fünf Fragen arbeiten wollten, habe ich mich nur als Stichwortgeberin betätigt, Papier und Stift zur Hand genommen und mitgeschrieben. Darin durfte ich ja bei einigen anderen Interviews bereits Erfahrungen sammeln. 😉

Der Friedhof als Symbol für „Geerdet-Sein“ 

Wie ich mag Janosch Friedhöfe. Sie hätten „eine interessante Wirkung“ auf ihn, sagt er. Weil er sich dort so „gesettelt“ und dem Gedanken an die Endlichkeit nahe fühlt. Und dass er es dort gern ruhig und respektvoll den Toten gegenüber hat. „Lustig brauche ich auf dem Friedhof nicht.“ waren seine exakten Worte. 

Und: „Ich sehe mich auf dem Friedhof als soziales Wesen, bin Bestandteil von etwas Großem.“

Das Gefühl, der Aufenthalt auf einem Friedhof spiegelt eine Vorstellung von der Endlichkeit unseres Lebens wieder, teilen wir. Und wir mögen beide den Göttinger Stadtfriedhof.

"Da ist nichts, was leiden kann." -Ein Foto des Stadtfriedhofs Göttingen .
Einer der vielen Wege auf dem Göttinger Stadtfriedhof.

Wie gehst Du mit Deiner eigenen Endlichkeit um?

Bei solch einem Friedhofsbesuch tauchen natürlich auch Gedanken an die Endlichkeit auf. Ich bin ein bisschen traurig darüber, dass das Leben endlich ist. Und fragte mich, ob ich mein Leben derart optimieren kann oder will, dass ich am Ende sagen kann: „Alles gut!“

Früher habe ich außerdem gedacht, der Sinn des Lebens bestünde in der Reproduktion und alles andere sei spiritueller und künstlerischer Überbau.

Die Erfahrung von abnehmenden Optionen und Fähigkeiten beim Älterwerden oder durch Erkrankung hat mich sehr erschreckt.

Denn ich bin so ein unruhiger Geist, ich komme irgendwie nicht an. Und das Leben ist eine ständige Unbeständigkeit. Andererseits wiederholt sich vieles. Und dann wird mir langweilig.

Welche Erlebnisse verbindest Du mit Abschied und Tod?

Als Jugendlicher habe ich meine Großeltern beim Sterben begleitet. Meine Großmutter ist gestorben, als ich 15 Jahre alt war. Danach habe ich meinen dementen Großvater unterstützt. Aber ich habe da einfach nur geholfen, ohne das auf mich und meine Endlichkeit zu beziehen. Allerdings glaube ich heute, dass mein Großvater schicksalsergeben gestorben ist, weil er im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde war.

Natürlich war auch die Tätigkeit in der Sterbebegleitung prägend. Irgendwie ist dieses Thema geblieben. Vielleicht liegt es daran, dass das prägende Element meines chinesischen Tierkreiszeichens „Holz“ ist. Holz ist einerseits beständig und wächst andererseits ein Leben lang.

In letzter Zeit wurde ich mehrfach mit Suizid konfrontiert. Und da war ich tatsächlich ein bisschen stinkig und habe mich gefragt: „Warum jetzt? Du hast doch Angehörige!“ Freitod, wenn andere leiden, geht für mich gar nicht.

Ein Freitod käme für mich persönlich nicht in Frage. Ich will kein Leid verursachen – obwohl ich mit dem Tod erstaunlich fatalistisch umgehe. Mir geht es bei dieser Einstellung mehr um Rücksicht auf die Hinterbliebenen.

Für mich ist diese Haltung irgendwie beruhigend. Es steht einfach fest, dass ich mir nicht das Leben nehmen werde. Denn einfach so gehen, das kann ich nicht.

Ein weiteres Foto vom Göttinger Stadtfriedhof: Drei Grabsteine als Triptychon, in der Mitte eine Frauengestalt, die eine Blume berührt.

Was bedeutet Tod für Dich?

Auch meine Vorstellung vom Tod hat viel mit meinen Erlebnissen zu tun. Es kann also sein, dass ich das in ein paar Jahren ganz anders sehe.

Ich habe keine konkrete Vorstellung, halte aber alles für denkbar. Als skeptischer Mensch habe ich allerdings die Befürchtung, dass die Idee vom Leben nach dem Tod oder einer Seele, die irgendwohin geht, sehr menschlich gedacht ist.

Man muss halt mit der Begrenztheit der eigenen Existenz und deren Bedeutung für einen selber klarkommen.

Diesen Satz von Janosch lasse ich als einen sehr passenden Schluss einfach genau so stehen und bedanke mich herzlich für die schönen und irgendwie auch philosophisch angehauchten 😉 Gespräche!

„Was ich persönlich sehr tröstlich finde: Wenn danach nichts ist, dann ist da auch nichts, was leiden kann. Dann muss man sich auf nichts vorbereiten und auch nichts leisten, um irgendwo aufgenommen zu werden.

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