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Liebe/r Sabine,

"Ich bin keine Frau, ich bin Kaufmann!" erwiderte einst Harriet Olson, als Charles Ingalls an ihr weibliches Herz appellierte, um einen Zahlungsaufschub zu erreichen.

Huscht beim Gedanken an "Unsere kleine Farm" gerade ein Lächeln über Dein Gesicht? Dann sollten wir ungefähr in einer Altersgruppe sein. ;-)

Aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Harriet Olson könnte ebensogut eine Businessfrau sein, die gerade dabei ist, mehr oder weniger hektisch die Jahresplanung für 2022, den Jahresrückblick auf 2021 und die Weihnachtsvorbereitungen unter einen Hut zu bekommen.

Ich bin allerdings gerade ganz woanders. Vor allem bin ich ohne Schuhe unterwegs, denn...

... es hat mich aus den Schuhen gehauen!

Je mehr Ruhe ich habe, desto näher komme ich meinen Gefühlen - und umgekehrt. Meine Trauer findet mich täglich, gleichgültig, was ich gerade tue.

Beim morgendlichen Spaziergang mit Frollein Frieda motzt ein Raubvogel (der klingt wirklich so, als ob er sich beschwert). Ich schaue nach oben und sage "Guten Morgen, Liebster! Ist noch viel zu früh für dich, oder?"
Dann sehe ich zwei Krähen nebeneinander fliegen und fühle einen Anflug von Eifersucht: Hat er etwa schon eine Neue "da oben"? ;-)

Eine Rechnung der Versicherung lässt mich in Tränen ausbrechen, der Duft von Keksen macht mir Sehnsucht im Bauch, alles um mich herum ist zu laut, zu viel, zu wenig empathisch, einfach zu...

Die große, abgehärtete, gesellschaftskompatible Sabine sagt: "Reiß dich zusammen! Du bist nicht die Erste, die trauert!" Sehr leise flüstert ein neuer, weicherer, verletzlicherer Anteil: "Nimm dir die Zeit, die es braucht. Sei gut zu dir!"

Kopf gegen Herz

Mein Kopf sagt: "Jetzt weißt du doch, was du willst! Arbeite gefälligst daran! Es gibt gerade so viele Challenges und Supersonderangebote. Beweg deinen A...!"

Ja, ich könnte mich rund um die Uhr mit meinem "Business" befassen, Visionen und Missionen kreieren und Jahrespläne für alles mögliche erstellen. Zahlen, Daten, Fakten... Und nicht zu vergessen das möglichst genaue und im Präsens formulierte Bild, wo ich am 31.12.2022 stehen werde.

Mein Herz ist dagegen sehr leise. Es flüstert: "Aber ich weiß doch überhaupt noch nicht, was in einem Jahr sein wird! Ich habe doch keine Ahnung, wohin mich meine Traurigkeit führen will. Und wie soll ich gleichzeitig planen und fühlen?"

Mein Herz will, dass ich mit Frollein Frieda in der Natur bin. Es will, dass ich ausschlafe, weil Trauern scheinbar auch körperlich sehr anstrengend ist. Es will, dass ich mit dem motzenden Raubvogel spreche und beim Duft von Keksen oder dem Gedanken an gemeinsames "Auf-der-Couch-Herumlungern" in Tränen ausbreche. Es will, dass ich mir Zeit lasse, um mich in meinem neuen Leben einzurichten.

Mein Herz sagt mir, dass eine Rückschau wichtig ist, um eine Entscheidung treffen zu können, was ich mitnehmen möchte ins nächste Jahr und was ich besser in diesem zurücklasse. Es sagt mir, dass mich meine Zukunft finden wird, wenn ich sie nicht krampfhaft herbeizuplanen versuche.

All das sagt es so leise, dass ich in die Stille gehen muss, um es zu hören.

Was habe ich aus meinen Abschieden gelernt?

Dass sie in den meisten Fällen ungeplant passieren. Dass sich mit manchem Abschied auch sämtliche Pläne in Luft auflösen. Und dass die Zeit, die es für den Abschied braucht, davon abhängt, wie wichtig das war, was gegangen ist oder gehen musste.

Deshalb kann ich jetzt auch nicht planen. Ich möchte mich vertrauensvoll dem Leben überlassen, mich dem Fluss hingeben, statt wie verrückt mit den Armen zu rudern, um schneller anzukommen - oder sogar zurückzuschwimmen.

Das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Es kann sein, dass ich morgen einen Aktivitätsschub verspüre und innerhalb von wenigen Stunden eine weitere Website baue, einen Roman anfange, zwei Marathons nacheinander renne oder die Welt rette.

Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Es ist nicht planbar.

Was wäre ich für eine Trauergefährtin, wenn ich meiner eigenen Trauer keinen Raum gebe? Wie könnte ich an Deiner Seite sein und Dir Deine Gefühle tragen helfen, wenn ich meine eigenen irgendwo abstelle, weil sie mir zu schwer erscheinen?

Auf meiner Landkarte der Welt kann ich nur gut für andere sein, wenn ich gut zu mir bin. Ich möchte jedoch nicht "einfach nur" gut für Dich sein, sondern mit meinem ganzen Herzen an Deiner Seite. Und wenn Dein Herz so leise ist wie meines, möchte ich es gern hören können.
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... und trotzdem leben!

Das klingt trotzig, ist aber gar nicht so gemeint. Wir können unendlich traurig sein und trotzdem leben. Vielleicht erkennen wir vor lauter Tränen den Weg nicht mehr. Und trotzdem leben wir. Das tun wir so lange, bis es auch für uns an der Zeit ist, uns zu verabschieden.

Würdest Du Dir nicht wünschen, dass Deine Liebsten, die dann zurückbleiben, mit einem Lächeln an Dich denken und sich sagen: "Sie ist fort. Es war schön mit ihr. Wir werden sie bei uns behalten - ... und trotzdem leben!"

Und wäre es nicht schön, wenn sie alle Zeit der Welt hätten, um Dich so zu verabschieden, wie sie es brauchen?

Lass uns gemeinsam dafür sorgen, dass der Tod seinen schlechten Ruf verliert. Ich zumindest bin sicher, dass er mich eines Tages nach Hause bringen wird.

5 Fragen zum Thema Abschied nehmen

Während der letzten Wochen habe ich einige Interviews geführt mit sehr spannenden Frauen, die mir jeweils fünf Fragen zum Abschied nehmen beantwortet haben. So vielfältig wie ihre Antworten sind unsere Möglichkeiten, mit Abschied umzugehen.

Hier kannst Du die Interviews nachlesen:
Es sind noch einige in Vorbereitung, mit ganz unterschiedlichen Frauen. Schau am besten bald wieder auf meiner Website vorbei!

Falls Du jemanden im Freundes- oder Bekanntenkreis hast, die gerade mit dem Thema "Abschied" zu tun hat und meine Unterstützung brauchen könnte: Leite ihr diese Mail gern weiter. Hier gibt es die Möglichkeit, ein kostenloses Kennenlern-Gespräch mit mir zu buchen:
Wie immer freue ich mich über Post von Dir: per Mail, auf Facebook oder Instagram! :-)

Sei gut zu Dir.

Herzlichst Deine

Sabine Scholze
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