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7 wichtige Erkenntnisse, die ich während des Laufens über den Trauerprozess gewonnen habe

Meine Lauferkenntnisse 22020807

Was lernt man über den Trauerprozess, aber auch über das Leben, während man mehr oder weniger orientierungslos durch den Wald läuft? Welche Erkenntnisse stellen sich ein, während wir einen Fuß vor den anderen setzen? Und wie bin ich auf die Idee gekommen, meinen gestrigen etwas verqueren und völlig ungeplanten langen Lauf als Beispiel heranzuziehen?

Das kam so: Gestern habe ich viel zu lange geschlafen. Deshalb hatte ich auch gar keine Lust zum Laufen.

„Na gut, ein paar Kilometer fürs gute Gewissen.“ überredete ich mich, schnappte mir das Frollein Frieda und lief los.

Aber Frieda hatte auch keine Lust.

Also lief ich die gleiche (sehr kurze) Strecke zurück, lieferte sie im Garten ab und machte mich erneut auf den Weg. Mein Unterbewusstsein befahl mir, sicherheitshalber etwas zu trinken mitzunehmen. Das hätte mich stutzig machen können…

Aus „ein paar Kilometern fürs gute Gewissen“ wurden etwas mehr als zwanzig. Ich hatte mich verlaufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Und während meine Füße ihre Arbeit taten, produzierte sich mein Gehirn eine Menge interessanter Gedanken.

Ein Selfie Sabine Scholze im Laufdress, mit Cap und Sonnenbrille mit einem erschöpften Ausdruck im Gesicht.
Das Selfie nach 20 Kilometern.

Die Kurzform: 7 Erkenntnisse über Leben, Trauern, Laufen

  1. Selbst wenn Du den vermeintlich leichteren Weg wählst, kann es passieren, dass dieser abrupt endet und Du Dich entweder durchs Unterholz kämpfen oder umkehren musst, um einen neuen Weg zu suchen.
  2. Manchmal glaubst Du, die richtige Richtung gefunden zu haben. Aber nach einiger Zeit stellst Du fest, dass Du im Kreis gelaufen bist. Und probierst den nächsten Weg aus. Das fühlt sich an, als ob Du wieder von vorn anfängst. Aber das stimmt nicht. Du kannst jetzt eine Richtung ausschließen – zumindest für heute.
  3. Dann gibt es Wege, die so schlecht sind, dass Du sehr, sehr langsam gehen musst, um nicht ins Stolpern zu geraten.
  4. Ein Navi kann helfen. Manche sagen Dir zwar nicht, welchen Weg Du laufen sollst, aber sie zeigen Dir die Richtung.
  5. Wenn es eine ganze Weile bergauf gegangen ist und Du so fertig bist, dass Du keinen weiteren Schritt mehr machen willst: Irgendwann geht es wieder bergab. Das kann gar nicht anders sein. Es gibt keine endlosen Steigungen, auch, wenn es uns so vorkommen mag.
  6. Während Du Dich noch darüber freust, endlich wieder ohne Anstrengung bergab laufen zu können, stellst Du vielleicht fest: „Mist, das ist ein unebener Feldweg. Ich kann nicht einfach drauflosrennen, sondern muss sehr achtsam sein.“ In solch einem Fall kann bergab genauso schwierig sein wie bergauf.
  7. Nach einer solchen Anstrengung ist es schön, wieder zuhause anzukommen und Ruhe zu finden.
Während dieses Laufes habe ich über den Trauerprozess nachgedacht: Google Maps zeigt die gelaufene Strecke zwischen Dankelshausen, Meensen und Scheden.
Mein ungeplanter langer Lauf am Sonntag, den 7. August 2022.

Was haben der Trauerprozess und das Laufen gemeinsam?

Hier ist die lange Version meiner Erkenntnisse – auch für Nicht-Läuferinnen. 😉

  1. Auch beim Trauerprozess kannst Du einen vermeintlich „leichteren“ Weg wählen: Du stürzt Dich in Aktivitäten, tust das, was von Dir erwartet wird und hoffst, dass „es“ irgendwann besser wird. Gerade am Anfang geschieht das fast von allein: Wir sind wie gelähmt von dem Verlust, es ist unglaublich viel zu tun, auch unser Umfeld versucht nach Kräften, uns abzulenken. Und das ist gut so. Denn wenn wir unseren Schmerz sofort mit aller Wucht fühlen müssten, würden wir das wahrscheinlich nicht aushalten. Aber irgendwann sind wir lange genug auf diesem Weg gegangen. Wann das ist? Das kann ich Dir nicht sagen, weil jeder Menschen die Trauer auf seine eigene Weise fühlt. Eines haben wir jedoch gemeinsam: Und ja, es fühlt sich wie ein Kampf an!
  2. Seit dem Moment, an dem ich meinen Liebsten tot aufgefunden habe, war ich klar und ruhig. Ich habe den Kopf geschüttelt über Vorgaben für die Trauerbegleiterinnenausbildung, die verlangten, dass ein Todesfall im nahen Umfeld mindestens drei Jahre zurückliegen muss. Habe mich organisiert, neu sortiert und bin umgezogen. Alles auf dem richtigen Weg… Denkste! Denn auf einmal (es war an meinem Geburtstag) stellte ich fest, dass überhaupt nichts gut war. Dass ich nirgendwo angekommen war, sondern meine Gefühle eine große Runde gedreht hatten. Ich stand an einer Wegkreuzung – und suchte mir eine andere Richtung: Statt Aktivität, Lernen und Lesen ergab ich mich meiner Trauer. Und ich habe so ein Gefühl, dass ich auch nach dieser Phase wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren werde – allerdings um eine Richtung reicher.
  3. Auf dem einen oder anderen Weg bin ich tatsächlich sehr langsam gegangen. Vielleicht kennst Du das aus ähnlichen Situationen in Deinem Leben: Du hast das Gefühl, dass überall irgendwelche Stolperfallen in Form von Flashbacks, Glaubenssätzen, (noch) nicht verarbeiteten Erlebnissen lauern. Da gilt es, sehr achtsam zu sein. Vor allem mit sich selbst. Denn wenn wir auf diesem Stück unseres Weges ins Straucheln geraten, könnte es den alten Schmerz wieder hervorrufen – oder einen ganz neuen, den wir noch nicht kannten.
  4. Die „Navis“ für meinen Weg durch die Trauer sind und waren meine Therapeutin, meine Bloggerinnen-Gäng – und Menschen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Deines könnte eine Trauerbegleitung sein. Die gibt es inzwischen auch online – zum Beispiel bei mir. 😉
  5. „Das Leben ist fair.“ So lautet einer meiner wichtigsten Glaubenssätze. Denn ich glaube daran, dass es mir nichts aufbürdet, was ich nicht aushalten kann. Und ich glaube daran, dass jeder Berg irgendwann erklommen ist. Dann können wir entweder eine Weile ausruhen und den Blick genießen oder uns direkt wieder an den Abstieg machen. Da ist das Leben wirklich wie ein langer Lauf: Eine endlose Steigung gibt es nicht – sogar beim „Stairway to heaven“ werden wir irgendwann angekommen sein.
  6. Doch auch, wenn wir das Bedürfnis haben, so schnell wie möglich bergab zu rennen – einfach, weil es sich so leicht anfühlt – sollten wir auch hier achtsam sein. Wir haben immer noch die Erschöpfung unseres Aufstiegs im Körper. Es ist schön, wenn sich nach Wochen oder Monaten der Traurigkeit wieder Hoffnung und Leichtigkeit einstellen. Das dürfen wir genießen. Und trotzdem macht es Sinn, unseren Weg im Blick zu behalten.
  7. Im Fall eines langen Laufes oder einer Wanderung ist unser „Zuhause“ tatsächlich da. Wir können etwas Gutes essen, die Füße hochlegen und uns entspannen. Nach dem Lauf durch eine Phase besonders intensiver Trauer (oder anderer Gefühle) ist Dein Zuhause jetzt vielleicht an einem anderen Ort. Aber wo es im Außen jetzt auch sein mag: Dein Zuhause ist immer auch in Dir. Und genau dort gehört es hin.

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